Zu Besuch bei Freunden in Cusco

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Dieses Jahr bestand unsere Delegation aus 3 Mitgliedern: Yvette und Claude Schweich und ich, Lydie Hoffmann. Am Ostersonntag (ein eher ungünstiger Tag, um einen Partner zu besuchen) sind wir am späten Nachmittag in Cusco gelandet. Obwohl wir vorab per Mail versucht hatten, den Empfang wegen der Feiertage auf ein Minimum zu reduzieren, wurde unserer Bitte nicht Folge geleistet! Es ist Teil der peruanischen Kultur, aber auch der aufrichtige Ausdruck vonFreundschaft und Dankbarkeit, uns mit allen Ehren am Flughafen zu empfangen. Groß und Klein war an diesem Nachmittag auf den Beinen; Blumen, Obst und Brot, Fahnen, selbsthergestellt Plakate und speziell bedruckte T-Shirts waren vorbereitet worden und wurden nun zur Schau gestellt. Es dauerte dann natürlich eine ganze Weile, bis wir jeden begrüßt hatten, bis alle Fotos geschossen waren und wir uns von dem vielfältigen und bunten Treiben etwas erholt hatten.

Trotz der Feiertage war der Zeitpunkt unserer Reise eigentlich gut gewählt, weil wir uns zurzeit „zwischen 2 Projekten“ befinden. Vor fast 4 Jahren haben wir uns, zusammen mit der Fundación Cristo Vive Perú (FCVP), in das Abenteuer „Frauenhaus“ gestürzt. Der Anfang war schwer, besonders, weil die Problematik der Gewalt innerhalb der Familien in ganz Peru verbreitet ist, es jedoch nur wenige staatliche Anlaufstellen gibt, um den Frauen in Not zu helfen. In der Stadt Cusco (ca. 300.000 Einwohner) gibt es bis dato nur das Frauenhaus der Fundación, in dem die Mütter mit ihren Kindern Schutz und Obdach finden können. Ana-María (die Direktorin der FCVP) und ihr Team standen vor einer Riesenherausforderung! Ohne viel Erfahrung im Bereich von häuslicher Gewalt zu haben, standen sie den Frauen mit viel Einfühlungsvermögen und professioneller Kompetenz zur Seite. In den letzten 4 Jahren haben sie viele Höhen und Tiefen erlebt und sind an ihren Aufgaben gewachsen. Seit April 2012 verfügt die FCVP endlich über die so dringend benötigte Infrastruktur. Ein renovierter Altbau und ein daran anschließender Neubau

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bieten jetzt durchschnittlich 12 Frauen und ihren Kindern einen sicheren Platz. Während 4-6 Monaten können sie hier etwas zur Ruhe kommen, können sich neu orientieren und erhalten sowohl psychologischen als auch rechtlichen Beistand. Außerdem haben sie im Frauenhaus die Möglichkeit, sich weiterzubilden, um nach ihrem Aufenthalt eine Arbeit zu finden und somit finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

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Für unsere Organisation „Niños de la Tierra“ war es daher eigentlich selbstverständlich, diese exzellente Arbeit von unseren Freunden der FCVP auch weiterhin zu unterstützen, so dass wir noch dieses Jahr ein zweites Projekt über 3 Jahre mit ihnen in Angriff nehmen werden.

Für diese zweite Phase war schon viel Vorarbeit geleistet worden und so konnten wir uns bei unserem Besuch weitestgehend auf das „Cadre Logique“ und auf das Budget konzentrieren.

Kurz gesagt ist das „Cadre Logique“ein systematischer und analytischer Prozess, um ein Projekt zielorientiert planen, überwachen und bewerten zu können. Auf einigen wenigen Seiten werden hier das Hauptziel, das Projektgesamtziel, die messbaren Resultate und die Aktivitäten resümiert.

Sehr interessant für uns – und eigentlich zum ersten Mal – haben wir zusammen mit allen Beteiligten am Projekt dieses „Cadre Logique“ bis ins Detail analysiert, um zu prüfen, ob auch alle Resultate und Aktivitäten realistisch und durchführbar sind. Dieser Prozess, an dem das ganze Team beteiligt war, war relativ zeitaufwändig. Die Tatsache jedoch, dass die Mitarbeiter um ihre Meinung gefragt wurden, bewirkt unserer Ansicht nach, dass sie sich dadurch noch stärker mit dem Projekt verbunden fühlen und weiterhin ihr Bestes geben werden, um den Frauen und Kindern in Not „mit Liebe und Freude“(*) dienen zu können.

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Auch das Budget wurde, wenn auch in kleinerer Runde, ausführlich diskutiert. Alle Ausgaben wurden nochmals geprüft. Nur noch geringfügige Anpassungen mussten hier vorgenommen werden.

Trotz dieser anstrengenden Versammlungen, bei denen abends die Köpfe rauchten, war es eine sehr befriedigende Aufgabe, haben wir doch so den Eindruck gewonnen, alles Mögliche getan zu haben, damit dieses zweite Projekt mit unseren Freunden der FCVP, den bestmöglichen Start hat.

(*) Motto der Fundación Cristo Vive Perú: “Compartiendo el Pan con Amor y Alegría” – Das Brot mit Liebe und Freude teilen.

 

Lydie Hoffmann

Fotos: Yvette Schweich-Lux, Lydie Hoffmann

KÄMPFEN FÜR EIN «GUTES LEBEN»

PERU, nach Bolivien und Chile, seit Januar 2009 drittes Zielland von NINOS DE LA TIERRA asbl., hat zurzeit ausgezeichnete Wirtschaftsdaten aufzuweisen. Doch der Großteil der Bevölkerung kommt nicht in den Genuss der hohen Gewinne ausländischer Förderer von Gold, Silber oder Kupfer in den peruanischen Minen. Das Geld landet bei einer reichen Minderheit und im Ausland.
Fast die Hälfte der Bevölkerung des von Alan Garcia regierten Andenlandes ist bitterarm. Betroffen sind vor allem die Quechua-Indianer, Ureinwohner Perus. Viele von ihnen leben im Regenwald des Amazonas. Für sie ist der Wald heilig. Für internationale Konzerne aber ist dieses Gebiet nur eine Holzreserve oder bloß grünes Dickicht, welches die Förderung von Öl oder Gas erschwert. Jahrhundertelang setzten sich die Einheimischen kaum zur Wehr, wenn die Holzfirmen anrückten, um rücksichtslos den Regenwald auszubeuten.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Peru ist in Aufruhr seit den blutigen Zusammenstößen zwischen Regierung und Indigenen, die mindestens 30 Tote forderten. Als die staatlichen Einsatztruppen am 5. Juni 2009 eine Straßenblockade in der Nähe der Stadt Bagua gewaltsam beenden wollten, an der sich bis zu 5000 Menschen beteiligten, wurden die Demonstranten zunächst von Hubschraubern aus beschossen, bevor die schwerbewaffneten Polizisten am Boden vorrückten und ebenfalls Schußwaffen einsetzten. Bei den sich daraus entwickelnden Auseinandersetzungen starben auch mehrere Beamten. Ungewöhnlich ist ebenfalls, dass die Indigenas bei ihrem Protest auch von der mestizischen Bevölkerung der Regenwaldregion unterstützt werden. Die Einheimischen sind selbstbewusster geworden. Es scheint so, als ob Evo Morales, Aymara-Indianer und seit Januar 2006 Präsident des Nachbarlandes Bolivien, den Indigenen Perus Mut gemacht hat, sich für ihre Rechte einzusetzen.

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Gekämpft wird vorwiegend gewaltlos, mit Gesetzbüchern, Petitionen und Klagen. Die Frauen stehen dabei oft an vorderster Front. Die Ombudsstelle für die Verteidigung des Volkes wird von Beatriz Moreno geleitet. Ihr Einsatz, eine Verfassungsbeschwerde gegen zwei Gesetzesdekrete, die zur Umsetzung des Freihandelsvertrages mit den USA verabschiedet worden waren, hatte Erfolg. Am 15. Juni 2009 kündigte Premierminister Yehude Munaro deren Aufhebung an. Alberto Pizango aber, der Anführer der Protestbewegung, wurde von der Regierung gejagt wie ein Terrorist und musste sich im Ausland in Sicherheit bringen.

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Die indigene Bewegung Lateinamerikas wird immer sichtbarer. Die Welt fängt an zu begreifen, dass es sich nicht um unzivilisierte, gewalttätige und manipulierte Gruppen handelt, sondern um organisierte Völker, die ihre Lebensweise beibehalten wollen, d.h. ihr “gutes Leben”, ihre Autoritäten, ihre Kultur, ihre Prinzipien und ihre Jahrhunderte alte Praxis der Gleichheit, Gegenseitigkeit und Komplementarität. Das bedeutet nicht, in die Vergangenheit zurückzuwollen, sondern die Harmonie zwischen den Menschen, den Völkern und der Natur zu retten, die durch den Druck der westlichen Zivilisation in Frage gestellt ist.

M.S.

Unsere Projektpartnerin Ana Maria Galeano (FCVP) aus Cusco (Peru) zu den Ereignissen vom 5. Juni 2009:
“Wir durchleben eine Zeit großen Schmerzes, des Leids und der Empörung wegen der Ereignisse in unserem Amazonien … Lunge und Quelle des Lebens auch für unsere Menschheit, die wir beschützen und bewahren müssen. Wir müssen die Kultur und die Lebensformen derer respektieren, die heute für das reichhaltige Leben, das dort existiert, kämpfen … Menschen mit den selben Bedürfnissen wie jeder von uns”.

Weitere Analysen und Berichte zum Thema (Auswahl):

http://www.regenwald.org/pressemitteilungen.php?id=92

http://www.welt.de/die-welt/article3882167/Revolte-der-Ureinwohner-in-Peru.html

http://www.glaubeaktuell.net/portal/nachrichten/nachricht.php?IDD=1244904136

http://www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/perus-dschungel-bleibt-dicht/

Unser erstes Projekt in PERU

«SONQO WASI»: Aufnahmezentrum, Ausbildungszentrum und Zentrum für integrale Entwicklung von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden


Januar 2009 bis Dezember 2011

Budget: 253.594,07 €


Gewalt, insbesondere häusliche Gewalt, denen Frauen fast täglich ausgesetzt sind, ist in der Region Cuzco ein schwerwiegendes soziales Problem. Die Fälle von physischer, psychologischer oder sexueller Misshandlung sowie von Vernachlässigung häufen sich.

Am meisten betroffen sind indigenen Frauen, vor allem Arbeitssuchende vom Land mit niedriger Schulbildung. Sie arbeiten oft als Hausangestellte, sind schlecht bezahlt und befinden sich in totaler Abhängigkeit von ihren Arbeitgebern, ein Umstand, der leicht zu Missbrauch, Diskriminierung und Gewalt führt.

Hinzu kommt, dass die Kinder, die in der Familie Gewalt an ihrer Mutter bzw. an sich selbst erfahren haben, im Erwachsenenalter oft selbst zu Gewaltanwendung neigen und so den Teufelskreis der häuslichen Gewalt weiterführen. Aber auch bei den Kindern selbst sind die Spuren sichtbar: gestörte affektive Beziehungen, unangepasstes soziales Verhalten, schlechte Leistungen in der Schule, um nur einige zu nennen.

Das vorliegende Projekt der Fundación Cristo Vive Perú (FCVP) will dieser tragischen Situation in der Region Cuzco entgegenwirken.

Die FCVP ist eine Stiftung öffentlichen Rechts ohne Gewinnzweck mit sozialem, kulturellem Charakter, gegründet im September 2003. Bisher bestand das Team ausschließlich aus freiwilligen Mitarbeitern, welche sich unentgeltlich für die Armen und die Ausgeschlossenen der peruanischen Gesellschaft einsetzen.

Sie arbeiten seit fast vier Jahren im Bereich der häuslichen Gewalt und bieten ambulante Hilfestellung, besonders für misshandelte Frauen, an.

Das Projekt umfasst die Distrikte Recoleta, Cristo Pobre et Ayuda Mútua im Nordosten der Provinzhauptstadt Cuzco.

Auch die Gemeindeverantwortlichen sind sich seit einiger Zeit der Problematik bewusst und suchen in Zusammenarbeit mit den Einwohnern der Armenviertel sowie den verschiedenen Organisationen nach einer zufriedenstellenden Lösung.

Die Anzahl der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt nimmt dauernd zu, die Zahl der zuständigen staatlichen Institutionen jedoch nicht. Sie verfügen auch nicht über die notwendigen finanziellen, logistischen und personellen Mittel, um ihrer Aufgabe gerecht du werden. Des Weiteren ist das Personal nicht genügend ausgebildet, um die Opfer effektiv in ihrer tragischen und traumatischen Lage zu betreuen.

Das «Ministerio de la Mujer y Desarollo Social (MIMDES)», betreibt 4 «Centros de Emergencia Mujer (CEM)» im Bezirk Cuzco. Ihre Dienste sind gratis. Aber ihre Zahl reicht nicht aus bezüglich der steigenden Nachfrage. Und noch traut sich eine große Zahl von Betroffenen nicht, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, aus  dem Gefühl heraus, einem unpersönlichen, indifferenten und unsensiblen bürokratischen Apparat ausgeliefert zu sein. Auch gibt es keine staatlichen Beihilfen zur Deckung der medizinischen Unkosten im Falle einer Misshandlung. Psychologischer sowie rechtlicher Beistand sind für diese Frauen unerschwinglich.  Und doch benötigen sie diesen ganz besonders, um ihre verlorene Selbstachtung wieder zu gewinnen, dem Druck einer Gesellschaft zu widerstehen, die in großen Teilen Gewalt gegen Frauen noch als eine Art  Naturgesetz ansieht.

Das geplante Zentrum «Sonqo Wasi» besteht aus einem ambulanter Beratungs- und Behandlungsservice sowie zwei Frauenhäusern. Es möchte den misshandelten Frauen nicht nur eine kompetente und professionelle Hilfestellung anbieten sondern darüber hinaus ein Ort voller menschlicher Wärme, Zuwendung und Verständnis sein, in dem die Frauen zusammen mit ihren Kindern ihre traumatischen Erlebnisse aufarbeiten können.

Die Verantwortlichen schätzen die Kapazität der zwei Frauenhäuser auf ungefähr 30 Frauen pro Jahr. Der Aufenthalt ist auf maximal 4 Monate begrenzt, die Zahl der begleitenden Kinder auf 3. Die Frauen und auch die Kinder erhalten während dieser Zeit psychologische Betreuung, damit sie ihre verlorene Selbstachtung wiedergewinnen und so ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können. Um den Frauen den Start in einen neuen Lebensabschnitt zu erleichtern, können sie während ihres Aufenthaltes im Frauenhaus an verschiedenen Ausbildungskursen teilnehmen, um somit ihre Chancen auf eine Arbeit und auf finanzielle Unabhängigkeit zu erhöhen.

Die nicht schulpflichtigen Kinder der Frauen werden ganztags betreut und mit speziellen Programmen so weit wie möglich gefördert. Die größeren Kinder erhalten gegebenenfalls Nachhilfeunterricht, damit sie den schulischen Anforderungen gewachsen sind, trotz der großen seelischen Belastungen, denen sie ausgesetzt sind.

Bei der ambulanten Behandlung stützt man sich auf die Erfahrungen der vergangenen 4 Jahre. Im Laufe des Jahres 2007 nahmen 227 Frauen und 81 Männer diesen Dienst in Anspruch. Um einen integralen Aufarbeitungsprozess zu gewährleisten, werden auch die Täter in den Betreuungsprozess eingegliedert.

Die FCVP Mitglied der «Mesa Regional de Lucha contra la Violencia Familiar», deren Hauptziel  die  Reduzierung der Gewalt in den Familien ist.

Im erzieherischen Bereich arbeitet die FCVP mit der Frauenorganisation «Vasos de Leche» und der Elternschule zusammen.

Die Verantwortlichen des Projekts schätzen die direkten Nutznießer des vorliegenden Projektes auf ungefähr 5700 Personen für die Laufzeit von 3 Jahren. Hinzu kommen die anderen Familienmitglieder der Betreuten als indirekte Nutznießer.

Da für den Neubau des Zentrums kein passendes Grundstück aufzutreiben war, haben die Verantwortlichen beschlossen, zwei Häuser anzumieten. Das Betreuungsteam umfasst eine Koordinatorin (ganztägig), einen Psychologen, eine Sozialarbeiterin, eine Erzieherin, einen Ausbilder sowie eine Sekretärin (jeweils halbtäglich). Ein Teil des Budgets wird für die Instandsetzung und Anpassung der Räumlichkeiten an die bestehenden Bedürfnisse sowie die entsprechende Innenausstattung gebraucht. Ein weiterer Teil dient zur Deckung der Miets- und Unterhaltskosten sowie der Gehälter.

mk