Projekt TEATRO-BUS

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Santiago de Chile

Einfach mal anfangen mit Theater spielen und Spaß haben! So begann das Projekt TEATRO-BUS vor jetzt fast schon 5 Jahren an. Damals dachte ich mir: “Wenn ich nicht selbst an mein Projekt glaube, wer dann?” Anfangs fehlte es erstmals an finanziellen Mitteln. Aber ich hatte die tiefe Überzeugung, dass das Theater Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gibt, selbst Wege aus der Armut zu finden. Und so legte ich also einfach los: eine minimalistische Aufführung, damals noch ohne Vorhang und ohne Bühnenlicht, ließ alle Kinderaugen strahlen. Das Selbstbewusstsein der mitwirkenden Kinder wuchs mit jedem Publikumsapplaus.IMG_7838

Inzwischen kennt man uns hier im Armenviertel. Regelmäßige Theaterteliers, diverse Workshops wie Malerei, Tanz und Capoeira haben uns bekannt gemacht. Wie von alleine kamen in den letzten Jahren die verschiedensten Menschen auf das Projekt zu und haben es mit ihrem Beitrag wachsen lassen. Im Januar 2015 feiert Teatro-Bus sein fünfjähriges Bestehen. Wir blicken zurück auf viele kulturelle Aktivitäten, die im Armenviertel statt gefunden haben, ein Farbtupfer im schwarz-weißen Alltag der Menschen.

Wenn ich durch die Straßen gehe, bin ich immer noch schockiert über das Elend, den Müll vor den Häusern, das trostlose Dasein vieler Menschen, die gefangen scheinen in einem Viertel, das ihnen kaum etwas bietet. Dieser tägliche Überlebenskampf, die Präsenz von Drogen und Alkohol in den meisten Familien, lässt die Menschen scheinbar apathisch werden. Aber es kann nicht sein, dass Kinder miterleben müssen, wie jemand öffentlich Drogen konsumiert oder schlimmer noch, wie Drogenbanden sich Schießereien auf offener Straße liefern.

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“Was ist das, Theater?”, fragte mich einmal eine Mutter, deren jugendlicher Sohn ab und zu bei uns vorbei schaut. „Theater ist spielen, der Fantasie freien Lauf lassen und sich vom Alltag loslösen. Wenn wir Thea-ter mit den Kindern spielen, dann heißt das für uns, vor allem sich gegenseitig respektieren, Kind sein dürfen, gemeinsam lachen, geschützt vor der kriminellen Außenwelt“, war meine spontane Antwort.

Unsere größte Herausforderung ist es, die Kinder und Jugendlichen für das Projekt zu begeistern. Familien- und Hausbesuche sind notwendig, um intensiv Elternarbeit zu leisten, damit die Kinder bei uns teilnehmen dürfen. Viele erlauben ihren Kindern überhaupt nicht, abends aus dem Haus zu gehen wegen der lauernden Gewalt. Wir sind aber hartnäckig und überzeugen die Eltern immer wieder, ihren Kindern Freiraum zu lassen. Inzwischen haben wir eine feste Theatergruppe, die seit Beginn dabei ist. In unserem Dokumentarfilm über das Projekt (zu sehen auf YouTube: teatrobus chile) erzählen die Kinder, wie das Theater ihr Leben und ihre Einstellung verändert hat. So berichtet die zehnjährige Alon-dra, dass sie durch die Theaterarbeit ihre Schüchternheit überwunden hat und nun keine Angst mehr hat, nach außen hin zu zeigen, wer sie wirklich ist. Javiera lädt alle Kinder ein, am Projekt teilzunehmen, da es ein Ort ist, an dem ‘nichts Schlechtes’ passiert. Marta, deren Vater gestorben ist und deren Bruder die Familie unter anderem mit Kleindiebstählen unterhält, erzählt vor der Kamera, dass die Mathematik vielleicht auf den ersten Blick wichtiger erscheint als das Theater. Doch sie ergibt sich dem Theaterspielen zu 100 %, denn das Theater kann man fühlen, die Mathematik nicht.

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Unterstützung bekommen wir von der Luxemburger asbl. “andamos”, dem Fitnessclub “Just move” und einigen treuen privaten Spendern aus Luxemburg und Deutschland. Inzwischen konnten wir auch „Niños de la Tierra asbl.“ von unserer Arbeit überzeugen und bekamen für 2014-2015 eine großzügige Spende. An uns wird also geglaubt. Dank dieser diversen finanziellen Unterstützungen konnten wir in den letzten Jahren das Ganze professionell aufbauen. Somit folgt nun auch 2015 die Einstellung einer Psychologin. Für den Kauf eines Minibusses, das eigentliche Herz des Projektes, sammeln wir fleißig Spenden. Dieser Theaterbus wird hoffentlich bald in allen Farben glänzen und viele Menschen im Armenviertel mit präventiven Theaterstücken erreichen und öffentliche trostlose Plätze kulturell bereichern. Unser Bus, den wir dank Eurer Unterstützung demnächst kaufen können, wird dafür sorgen, dass chilenische Kinder und Jugendliche mittels des Theaters ihre Rechte kennen lernen. Konkret arbeiten wir gerade an der Entwicklung eines Theaterstückes zum Thema „Sexueller Missbrauch“.
Auf dem Weg zu unserem Ziel stehen immer wieder Hürden, die wir tapfer meistern müssen. Diese Hürden sehe ich mittlerweile als Chance für das Projekt, weiter zu wachsen. Wenn man weiß, was man will, geht es immer bergauf. Es freut mich sehr, meine Erfahrung hier mit allen treuen Lesern des Nitis-Info und Spendern teilen zu können. Gerne können Sie auch direkt mit uns Kontakt aufnehmen:
teatrobus.chile@gmail.com

‘saludos’ aus Chile.
Diane Catani, Anita und Enri

Weitere Informationen unter:
www.teatrobus-chile.com

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Nouvelles de l’école interculturelle mapuche Trañi Trañi

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L’école Trañi Trañi est une école interculturelle en territoire Mapuche, située dans les environs de la ville de Temuco. Il s’agit d’une école privée, créée sur initiative de la fondation Fundecam et gérée par les enseignants, les parents d’élèves, des représentants des communautés indigènes des environs et un représentant de Fundecam. Son objectif majeur est le renforcement de la culture et de l’identité mapuche , ainsi que la promotion du dialogue interculturel. Des éléments significatifs de la culture mapuche, leur langue, leur cosmovision, leur histoire, font partie du curriculum.L’excellence de ses résultats scolaires a été reconnue à plusieurs reprises par le Ministère de l’Education Nationale au Chili. Notre ONG soutient l’école depuis longtemps. L’un des responsables nous a fait parvenir un bref rapport sur les efforts réalisés actuellement en matière d’éducation interculturelle:

L’école Trañi Trañi et l’évolution de l’éducation interculturelle.

L’éducation interculturelle au Chili, dans sa forme actuelle, n’est pas favorable à la promotion de la culture et au renforcement de l’identité de nos populations indigènes.

Les programmes dénommés “interculturels” sont appliqués dans le système d’enseignement fondamental dans des lieux à population scolaire majoritairement mapuche. L’enseignement de la langue mapuche se fait uniquement sur la base de traduc­­tions de textes en espagnol. Les contenus sont inspirés de la culture occidentale de l’Etat chilien.

Le travail à l’école Trañi Trañi constitue une exception en la matière. Les parents et responsables, ainsi que les familles du territoire de Trañi Trañi, Botrolhue ressentent l’école comme un espace où sont partagées les connaissances indigènes dans le domaine culturel et social.

Au cours de ce semestre, un diagnostique socio-linguistique a été réalisé sur le territoire de l’école. Il a démontré que le mapudungun, langue des Mapuche, a cessé d’être le patrimoine exclusif des plus âgés: 18% des personnes qui le maîtrisent ont moins de 15 ans. Ils ont appris leur langue originaire à l’école fondamentale. De cette manière, leurs parents et proches ont aussi été impliqués dans le processus de valorisation et de maîtrise du “mapudungun”.

Sur le territoire de Trañi Trañi, l’ap­­­­­­­pren­tissage de la langue par les é­lèves contribue hautement au ren­for­cement de l’identité et la culture indigène. Les espaces sociaux où la langue est parlée sont les fêtes spirituelles, l’école et surtout la famille.

Actuellement, la communauté scolaire de Trañi Trañi participe à un projet innovateur . Il s’agit de la création de ses propres plans et programmes dans le domaine des Arts visuels. Cette ouverture en matière de conception du programme scolaire donne la possibilité à toute la communauté scolaire – enseignants, parents et proches, autorités fonctionnelles et traditionnelles – de participer activement à une série d’activités, à savoir des ateliers, des consultations et débats autour de contenus propres à la culture locale.

Nous avons relevé le défi proposé au premier point de l’article 27 de la Convention 169 de l’Organisation Internationale du Travail souscrite par notre pays. Il dit que „(…) les programmes et services d’éducation pour les peu­ples intéressés doivent être développés et mis en oeuvre en coopé­ration avec ceux-ci pour répondre à leurs besoins particuliers et doivent couvrir leur histoire, leurs connaissances et leurs techniques, leurs systèmes de valeurs et leurs autres aspirations sociales, économiques et culturelles (…)”.Conscients de nos possibilités limitées, nous allons initier cette transformation du curriculum par le domaine des arts visuels en nous basant sur le riche contexte socio culturel mapuche. Cela nous permet de reprendre des éléments de la cosmovision mapuche (le système de valeurs) et des connaissances et techniques de travail des ressources naturelles qui font partie du patrimoine culturel contemporain qu’il faut mettre en valeur.

Au niveau institutionnel, nous devons apprendre à articuler ce qui est important et nécessaire dans l’élaboration et la rédaction de nouveaux programmes d’études réellement bilingues. Les ressources du Ministère de l’Education Nationale chilien ne sont pas suffisantes pour réaliser un bon diagnostique sociolinguistique et planifier de nouveaux programmes, il faut compter sur l’appui de quelques experts en matière de curriculum.

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Ein Jahr in Chile


von Dorothée Franzen, unserer Kooperantin in Chile von September 2012 bis September 2013
„Jede Reise hat ihren Anlass und meiner hat mit Überdruß und jugendlichem Leichtsinn zu tun, mit dem Wunsch, aus den gewohnten Verhältnissen auszubrechen und das Leben und die Welt kennenzulernen.“
Die Stadt der träumenden Bücher, Walter Moers
Vor genau einem Jahr stand ich mit meinen vollgepackten Koffer am Flughafen und versuchte noch einen letzten Blick auf all die lieben Menschen zu erhaschen, die gekommen waren, um mich zu verabschieden. Ich weiß noch, wie schwer es mir fiel, die Gesichter richtig wahrzunehmen. Tausend Gedanken und Bilder rasten mir durch den Kopf. Hatte ich alles dabei? Würde ich das Flugzeug in Paris finden und wie war noch einmal das spanische Wort für „Mittagessen“? Und auf einmal saß ich auch schon im Flugzeug, ließ Luxemburg unter mir zurück und schaute zu, wie sich die Straßen, Häuser und Menschen, die bislang die Kulisse meines Lebens formten, zu Ameisenhaufen wurden, bis ich irgendwann nur noch in eine dichte Nebelwand blickte.
Ich war unterwegs nach Chile. Hinter diesen Wolken warteten ein neues Leben, neue Menschen und unendlich viele Erfahrungen. Ich konnte es kaum erwarten.
Es kommt mir vor, als wäre ich gestern losgeflogen, doch meine Anfangszeit, die ersten Wochen und Monate sind schon in meiner Erinnerung so weit nach hinten gerückt, als wären sie Jahre her. In Chile am Flughafen holte mich eine andere Freiwillige ab. Nach einer halsbrecherischen Fahrt über die chilenische Autobahn kamen wir in der EFPO an, dem Büro der Fundación. Dort lernte ich Helga, die gute Fee der Freiwilligen kennen, die mich mit offenen Armen aufnahm und bei der man sich nur wohlfühlen konnte.

Helga inmitten „ihrer“ Freiwilligen
Einen besseren Empfang als den, der mir durch Helga zuteil wurde, kann man sich nicht wünschen. Sie betreut schon seit Jahren die Freiwilligen und kümmert sich sowohl um unsere „Problemchen“ als auch um die ausgewachsenen Riesenbrummer, die einem das Leben zur Hölle machen und einen zur Verzweiflung treiben. Wir nennen sie liebevoll unsere „Oberfreiwillige“.
Nach einem kurzen Einführungsgespräch brachte sie mich in den Kindergarten, wo ich sofort anfing zu arbeiten. So lernte ich auch gleich meine erste Lektion: Du wirst gebraucht und die Menschen zählen auf dich. Jetlag und Reisemüdigkeit hinunterschluckend fing ich also an zu arbeiten.
Ich wurde der Gruppe der ältesten Kinder zugeteilt, den 5-jährigen. Meine kümmerliche 3-jährige Spanischausbildung, die mir im Gymnasium zuteil worden war, reichte anfangs kaum aus, um den Kindern das gegenseitige Erwürgen zu verbieten.

Meine Kindergruppe mit Educadora Cecilia und Tia Marianela
Hilflos musste ich immer wieder auf meine Mitfreiwilligen vertrauen, welche, da sie schon einige Zeit länger da waren, mehr Übung hatten. Doch schon nach ein paar Wochen merkte ich, wie ich mich immer besser verständigen konnte und mein Verdacht, dass eine Sprache, reduziert auf Bücher und Vokabeln, unmöglich zu erlernen ist, verstärkte sich.
Mehr noch als auf die Arbeit, war ich auf mein Haus und die WG gespannt. Aus vorherigem Facebook Kontakt mit meinen zukünftigen Mitbewohnern wusste ich, dass ich kein eigenes Zimmer haben würde. Hasste meine neue Zimmergenossin mich bereits, weil ich sie um ihr Einzelzimmer brachte? Hatte die WG schon einen festen Rhythmus, den ich als 5. Rad aus dem Gleichgewicht bringen würde und was, wenn ich die Einzige war, die nicht wusste, wie man Reis kocht ohne ihn anzubrennen zu lassen?
Auch hier waren meine Zweifel unbegründet. In Ava fand ich die beste Zimmergenossin, Freundin und Vertraute, die ich mir nur wünschen konnte. Teilt man ein Zimmer, gibt man auch noch den letzten Rest Privatsphäre auf, den man in einem so kleinen Haus wie unserem, hätte haben können.

Sonntagmorgen mit Karoline, Maruja und einigen Freiwilligen
Schnell bildeten wir ein Team und unsere langen Gespräche, die bis tief in die Nacht hinein dauerten, erschwerten so manchen Arbeitstag. Aber sie waren es wert. Lebt man so weit entfernt von allen Freunden und der ganzen Familie, braucht man die Menschen um sich herum. Man muss auf sie zählen können und Freunde zu haben, ist unabdinglich. Ava und ich wurden richtig gute Freunde, in dem ganzen Jahr tauschten wir die Zimmer nicht und brachen somit jeden Zimmergenossinnen-Rekord unter uns Freiwilligen.
Mit ihr, Ben und Desirée waren wir das Jahr hindurch ein Spitzen- Team. Wir stritten uns wie die Weltmeister. Vage erinnere ich mich daran, wie ich Töpfe durch die Küche schmiss oder Desirée und Ben Türen knallen ließen, was unser schon etwas betagtes Haus an den Rand des Zusammensturzes brachte. Aber im Großen und Ganzen war es eine gute Zeit und immer, wenn es darauf ankam, waren wir füreinander da und machten alle Krisen gemeinsam durch.

Die Siedlung rings um den Kindergarten „Naciente“
Die Arbeit war hart und das auf so viele Art und Weisen. Es war hart, jeden Tag eingepfercht in einem kleinen Raum zu sein und sich von 32 Kindern die Ohren vollbrüllen zu lassen. Es war hart, dir Lebensgeschichten von Eltern anzuhören und zu wissen, dass das Leben meiner Schützlinge genau so verlaufen kann, weil das System – oder einfach Pech – es nicht anders zulässt. Es war hart, jeden Tag alle Möbel und Tische raus- und wieder rein zu tragen, weil der Klassensaal nicht groß genug war…
Ich habe auch ganz sicher nicht jeden Tag genossen und manchmal wollte ich auch einfach nur im Bett liegen und einen Film schauen, doch nachträglich bin ich froh über mein Durchhaltevermögen.

Ich habe alle meine Schützlinge geliebt. In manchen Situationen gewiss weniger als in anderen, doch geliebt habe ich sie alle und es war wunderschön, dass ich jeden Tag bei ihnen sein durfte. Jetzt, nach so kurzer Zeit, vermisse ich sie immer noch wahnsinnig und lasse mir regelmäßig von den neuen Freiwilligen Fotos schicken. Mit den Kindern habe ich wieder gelernt, was es heißt, kleine Dinge wertzuschätzen, wie z.B. eine Puppe, gemacht aus einer Klopapierrolle. Ich habe mich für sie zum Affen gemacht und sie haben es mir mit ihrer Freundschaft und ihrem Vertrauen gedankt.

Feier zum Jahrestag der Gründung des Jardin Naciente: Die Kleinen haben Tänze vorgeführt und schwenken die Fahnen der Länder, welche den Kindergarten unterstützen
Die Menschen in Chile sind etwas Besonderes und ich ertappe mich immer wieder, wie ich hier in Europa nach dem lateinamerikanischen Temperament Ausschau halte. Kommt ein streunender Hund in die Kirche gelaufen, wird es als Gelegenheit genommen, mal wieder herzlich gemeinsam zu lachen und sogar der Pfarrer nimmt es mit Humor und lässt den frommen Neuankömmling unterm Altar der Messe beiwohnen.
Fragt man jemanden nach der Uhrzeit, kann es schon ab und zu mal vorkommen, dass die Gegenfrage kommt „Ist das denn wichtig?“ und wenn man um 01:00 morgens die unbändige Lust verspürt, seine Freunde zu besuchen, sollte man nur sicher stellen, genügend von dem guten chilenischen Wein mitzubringen und die Stimmung ist garantiert.
Ich habe in dem Jahr gelernt, meine Prioritäten neu zu ordnen. Mit meinen chilenischen Freunden ist mir wieder bewusst geworden, was Gemeinschaft wirklich bedeutet und wie unwichtig so manches ist, mit dem wir uns hier in Luxemburg den Kopf zerbrechen.
Man kann versuchen, es aufzuschreiben oder davon erzählen, aber wirklich nachvollziehen kann man es erst, wenn man es selber erlebt hat.
Für mich gibt es ein Davor und ein Danach. Es gibt ein „vor Chile“ und ein „nach Chile“. Es gibt mich, wie ich davor war und es gibt mich, wie ich jetzt bin. Manche Erlebnisse sind so einschneidend, dass sie deine Zeit teilen und Chile war ein solches Erlebnis.
Ich empfehle jedem, sich selbst auf die Reise zu machen und ein bisschen von der Welt und sich selbst zu sehen. Erst wenn man aus seinem Gemüsebeet rausgeht, kann man sehen, wie groß der Garten dahinter ist.
Dorothée Franzen

Neues Projekt mit KAIROS :

Sozio-laborale Integration von Obdachlosen in Renca

Seit nunmehr über 20 Jahre kennen und unterstützen wir die chilenische NGO KAIROS, welche nach der Diktatur aus der Fundación MISSIO-Chile entstanden ist. Etliche Projekte konnten so zum Wohle der Minderbemittelten besonders der Randgemeinden Renca und Peñalolen (Großraum Santiago de Chile) durchgeführt werden. KAIROS war uns immer sehr ans Herz gewachsen wegen seiner Nähe zu den Bedürftigsten Chiles und wegen seiner basisdemokratischen und verantwortungsvoll-konsequenten Vorgehensweise.

Leider konnten wir in den letzten Jahren keine vom Luxemburger Staat kofinanzierten Projekte mehr mit KAIROS durchführen, da Chile als « Tigerstaat » Lateinamerikas nicht mehr alle Kriterien zu einer Kofinanzierung durchs Entwicklungshilfeministerium erfüllt.

Unsere Freunde haben sich durch diesen Umstand ebenso wenig entmutigen lassen wie durch die Tatsache, dass auch aus Deutschland wesentlich weniger Unterstützung kam. Die (früher von uns teilweise kofinanzierten) Kindergärten liefen weiter (mit chilenischer Finanzierung) und auch andere gesellschaftspolitische und ökologische Maßnahmen konnten in Renca aufrechterhalten werden. Dies bedingte aber eine stetige Bewerbung bei vom Staate ausgeschriebenen Projekten, welche in der Regel nur 1-2 Jahre dauern. So funktioniert inzwischen das neoliberale System im Tigerstaat Chile auch auf dem sozialen und entwicklungspolitischen Felde: Alles wird dem Markt unterworfen, für alles gibt es Konkurrenzdenken und nichts ist auf Dauer garantiert. Jeder ist sich mehr oder minder selbst überlassen und so gehen natürlich die Schwächsten im System (gewollt?) unter. Natürlich ist das nicht im Sinne von KAIROS (oder in unserem Sinne), aber mit den momentan regierenden (konservativ-neoliberalen) Parteien um Präsident Piñera wurde alles noch schlimmer.

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Seit 2006 gab es in Santiago ein (noch von der Regierung Bachelet eingeleitetes) Pilotprojekt des chilenischen Entwicklungsministeriums zusammen mit FOSIS ( Fondo Solidario de Inversion Social). Dieses beinhaltete ein Auffangprojekt für die « Leute der Straße » (« personas en situacion de calle »), also die Obdachlosen, welche es zu Tausenden in Santiago gibt. Private und öffentliche Organisationen waren aufgerufen mitzumachen, jeder auf seine (in einem Projekt zu präsentierende) Art. So hat auch KAIROS seitdem sich hier aktiv beteiligt und sehr gute Arbeit und Erfahrungen gemacht. 2010-2011 hat sich daraus sogar eine Initiative zur Arbeitsbeschaffung der Obdachlosen entwickelt, wo die Mitarbeiter von KAIROS mit bis zu 100 Leuten aktiv soziolaborale Integrationsarbeit leisteten. Auch wurden während der Wintermonate (Juni bis August) Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen, wo die Obdachlosen auch Essen, Kleidung, Wärme und medizinische Hilfe bekommen konnten. So wurden den Leuten elementare Menschenrechte und Würde zuteil.

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Nun ist es aber so, dass unter der Regierung Piñera so einiges im sozialen Bereich im Argen liegt, ob gewollt oder verursacht durch ein heilloses Chaos in verschiedenen Ministerien. Dadurch sind einige soziale Programme im Moment ohne jegliche finanzielle Unterstützung. Unter diesen Umstand fällt auch das bis jetzt so verheißungsvolle Obdachlosenprogramm. Die Zahlungen an die NGOs für das Jahr 2012 lassen auf sich warten und für 2013 gibt es noch gar kein Budget, geschweige denn Antworten auf die Anfragen der NGOs, welche all die Jahre im Programm engagiert waren. Dies ist umso schlimmer, als der Winter in Chile immer die meisten Opfer unter den Obdachlosen fordert und die NGOs mit leeren Händen Anfang Juni dastanden. Indes vergibt die Regierung vor allem Großaufträge an ihr (gesellschaftspolitisch) nahestehende Firmen und Gesellschaften und setzt so sogar den sozialen Frieden im Lande kurz vor den Wahlen aufs Spiel.

Um die sehr gute Arbeit von KAIROS im Obdachlosenprogramm (und ihre guten Kontakte im Milieu) nicht gänzlich verpuffen zu lassen und überdies unsere Solidarität mit unserem Partner zu unterstreichen, hat Niños de la Tierra beschlossen, finanziell einzuspringen, um auch diesen Winter eine KAIROS-präsenz auf den Straßen Rencas zu garantieren.

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Das so ermöglichte « Miniprojekt » erstreckt sich über die 3 Wintermonate in Renca und betrifft 40 Obdachlose, welche schon KAIROS bekannt sind und gute Integrationschancen haben. Diese Leute werden sozial begleitet, psychologisch betreut, in Kursen geschult und besonders menschlich dahingehend gefestigt, dass eine Arbeitsfindung reelle Chancen hat. Durch die guten Kontakte von KAIROS mit Behörden, sozialen Netzwerken und sozial engagierten Firmen kann man hier mit 80% Erfolgsaussichten rechnen. Die Mannschaft welche das Projekt betreut, besteht aus 4 Leuten (3 Sozialarbeiter und 1 Psychologin), wovon 2 ständig auf der Straße aktiv sind (jeweils für 20 Leute zuständig), die 2 anderen eher «interne Aufgaben» erfüllen (individuelle psychologische Betreuung, konkrete individuelle Hilfe: Hygiene, Curriculum, Identitätspapiere, Adiktologie, Einschreibungen/Bewerbungen), diverse Kurse, Koordination des Programms). Auf diese Weise werden wenigsten 40 «Leute der Straße», welche sich schon 2012 durch Mitarbeit und Interesse an einer Lösung ihrer persönlichen Probleme hervortaten, nicht ihrer Chance beraubt, etwas dauerhaft-positiv in ihrem Leben zu verändern.

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Dieses « Winterprojekt » mit KAIROS finanziert Niños de la Tierra mit 11.500 Euro. Wie gesagt, kann dies nicht vom Luxemburger Staat kofinanziert werden, ist uns aber jeden Euro wert, da dieses Projekt einerseits den Finger in eine offene (gesellschaftspolitische) Wunde Chiles legt und andererseits die Arbeitsweise und entwicklungspolitische Grundeinstellung von KAIROS aufs positivste bestätigt.

Jean-Paul Hammerel

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Karoline Mayer wird „Heldin des Friedens 2013“


Auszeichnung der Katholischen Universität Alberto Hurtado in Santiago de Chile

Karoline wurde am 25. Oktober 2013 mit dem Preis „Heldin des Friedens“ (Héroe de la paz 2013) der Jesuitenuniversität „Alberto Hurtado“ in Santiago de Chile ausgezeichnet. Sie erhielt den Preis in Anerkennung ihrer Arbeit zum Wohl der Allerärmsten. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre an Persönlichkeiten verliehen, „die, wie Padre Hurtado, sich in ihrem Dienst in den Bereichen der Gerechtigkeit, Versöhnung, Solidarität und des Fortschritts hervorgetan haben“. Die feierliche Übergabe fand im Ehrensaal des Nationalkongresses in Santiago statt.

Preis Heldin des Friedens

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Nahrungssicherheit für Mapuche Kleinbauern

“Wer weiß schon, dass Hunderte von Millionen kleinbäuerlicher Familien, die das Gros der hungernden Massen bilden, durchschnittlich nur ein bis zwei Hektar oder noch weniger Boden bebauen…?”

“Die Strategien, mit denen sich Hunger und Mangelernährung eindämmen lassen, sind komplex und müssen der Vielfalt der Bewirtschaftungsformen und der Verhältnisse im jeweiligen Land angepasst sein. Bei allen Unterschieden stellt sich jedoch in zahlreichen Entwicklungsländern die entscheidende Frage nach einer Agrarreform und dem Zugang zu Boden. Beides bildet eine Voraussetzung für jede erneute Ausweitung der Agrarproduktion und jede substantielle Verringerung von Armut “

“Nationale wie internationale Finanzierungen müssen dazu beitragen,die ländlichen Infrastrukturen zu verbessern und den Bauern Zugang zu Rohstoffen, Krediten und Know-how zu erleichtern”

Aus “Mordshunger” von Jean Feyder

 

Ende März waren wir zu Besuch in den Mapuche Gemeinschaften José Carvajal und Francisco Huentro Painemil in Chile. Dies sind zwei von vier Gemeinschaften aus der Gemeinde Freire, die zurzeit mit unserer Partnerorganisation Fundecam ein Entwicklungsprogramm durchführen. Finanziert wird das Projekt von “Niños de la Tierra”. Drei Jahre lang soll den vier Gemeinschaften zu größerer Nahrungssicherheit verholfen werden. Auch die Ausbildung der Verantwortlichen und die Stärkung der Organisationen sind notwendig für ihre Weiterentwicklung.

350 Menschen sind von dem Projekt betroffen. Sie leben in großer Armut. In der Vergangenheit mussten sie ohne Hilfestellung der öffentlichen Instanzen auskommen. Ihre Armut hängt eng mit dem Landmangel zusammen. Für Viehzucht und Ackerbau besitzen sie als Kleinbauern nur 1 bis 1,5 Hektar pro Familie. Einst verfügten sie, die Ureinwohner Chiles, über große Landflächen. Enteignet wurden sie zuerst von den Spaniern und zuletzt unter Pinochet.

Mitglieder der Gemeinschaft José Carvajal

Mitglieder der Gemeinschaft José Carvajal

Es ist schwer, vom Ertrag solch kleiner Flächen zu leben. Eine optimale Bewirtschaftung ist unerlässlich, um die Nahrungssicherheit in etwa zu gewährleisten. Unser Partner Fundecam bietet den Gemeinschaften Kurse an über Bodenbearbeitung, Fruchtfolge, Produktion von organischem Dünger, geeignete Pflanzen, Konservierung von Nahrungsmitteln und den Umgang mit Wasser. Denn Wassermangel wird immer mehr zum großen Problem. Pflanzen, die viel Wasser benötigen, werden nicht mehr angebaut. 500 l Trinkwasser pro Familie werden einmal die Woche von der Gemeinde geliefert und in einem Fass aufbewahrt.

Weil die betroffenen Familien kaum über eigenes Einkommen verfügen, sind im Projekt soziale Kredite vorgesehen, um kleine aber wichtige Investitionen in der kleinbäuerlichen Produktion zu ermöglichen. Es handelt sich um “Mikrokredite”, die zur Hälfte von den Familien zurückbezahlt werden. Verwaltet werden die Kredite von der Leitung der Gemeinschaften unter der Kontrolle unserer Partnerorganisation vor Ort. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Selbstverwaltung auf sehr verantwortliche Weise durchgeführt wird. Dieses Vorgehen lehrt die indigenen Familien, mit Geld umzugehen, drückt Vertrauen aus und respektiert ihre Würde. 10.000.-€ sind pro Jahr für diesen Rotationsfonds im Projekt vorgesehen. Das Geld bleibt den Gemeinschaften erhalten, bis es ganz aufgebraucht ist.

Wie nutzen die Familien diese Kredite? Die meisten kaufen zuerst Draht, um ihre Gärten zu umzäunen, damit das Gemüse nicht von den Tieren gefressen wird. Sie umzäunen ihre Wiesen, so dass die Tiere nicht weglaufen können. Sie kaufen Zinkblech und Holz, um kleine Ställe und Scheunen zu bauen, Plastikfolie für Gewächshäuser, sowie geeignetes Saatgut und Tiere zum Züchten, hauptsächlich Hühner, Schafe und Schweine. Diese sind eine wichtige Nahrungsquelle, verbrauchen wenig und bringen beim Verkauf etwas Geld.

Südamerika 2013 (35)

Schwein& serre

Hier geht es wirklich um Grundbedürfnisse!

Parallel zu den Maßnahmen im Bereich Nahrungssicherheit werden die Verantwortlichen der Gemeinschaften ausgebildet. Sie lernen die Bestimmungen der indigenen Gesetzgebung kennen, damit sie ihre Rechte besser in Anspruch nehmen können. Den “dirigentes” wird in den Kursen aufgezeigt, wie sie sich besser organisieren und sich gegebenenfalls mit andern Gemeinschaften vernetzen und austauschen können. Gemeinsam handeln, macht stärker. Die Verantwortlichen lernen, wie man Projekte entwirft und formuliert. So können sie Fördergelder beantragen von der Gemeinde, der Region und vom Staat.

Die Gemeinschaft José Carvajal hat noch weit größere Probleme zu lösen. Von den etwa 100 Mitgliedern sind 25 von einer erblichen Augenkrankheit betroffen, die im Alter von 15 bis 25 Jahren zur Erblindung führt. David Carvajal, der Verantwortliche der Gemeinschaft, ist selbst blind. Zwei Jahre wartet er schon auf eine Augenoperation im öffentlichen Gesundheitssystem.

Roberto Mansilla im Gespräch mit David Carvajal, dem blinden Dirigente der Communidad José Carvajal

Roberto Mansilla im Gespräch mit David Carvajal, dem blinden Dirigente der Communidad José Carvajal

Am Anfang reagierte die Gemeinschaft mit großer Skepsis auf das Angebot zur Unterstützung. Bisher wurde ihnen jede Hilfe verwehrt. Wir haben im Projekt eine Begleitung von vier Stunden pro Woche vorgesehen für alle, die an der Augenkrankheit leiden. Diese Begleitung soll jede mögliche Hilfestellung geben, um die Behandlung und die Unterstützung zu organisieren. Bei unserm Besuch konnten wir feststellen, dass diese wichtige Hilfestellung zurzeit noch nicht ausreichend ist. 53 Besuche bei einem privaten Augenarzt wurden in kürzester Zeit durchgeführt, Brillen für die Kinder müssen gekauft werden. Weitere Maßnahmen sind erforderlich. Die Begleitung wurde einstweilen verstärkt und wir hoffen auf gezielte Spenden, um auf diese Problematik zu antworten.

Um nachhaltig aus der Armutsfalle auszubrechen und die Nahrungssicherheit (food security) hin zur Ernährungssicherheit (nutrition security) zu verbessern, müssten Lösungen erarbeitet und finanziert werden, die den Gemeinschaften ausreichenden Zugang zu Wasser und die Anschaffung von zusätzlichem Land ermöglichen.

Yvette Schweich-Lux

Fotos : Yvette Schweich-Lux

 

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Die Cristo-Vive-Familie trauert um Fernando Massad

Im Alter von 51 Jahren starb am 29. Juli in Santiago de Chile der Geschäftsführer der Fundación Cristo Vive, Fernando Massad. Er erlag einer Krebserkrankung, gegen die er ein Jahr lang vergebens angekämpft hat. Massad hat 1997 einen Managerposten in der chilenischen Wirtschaft aufgegeben, um in der Gefolgschaft von Schwester Karoline den Armen zu dienen. Er arbeitete zunächst als Freiwilliger, dann als Angestellter der Fundación und seit 2002 als deren Geschäftsführer. Mehrmals war er bei Jahrestreffen von Cristo Vive Europa in Deutschland dabei und profitierte von dieser Gelegenheit Niños de la Tierra in Bettemburg zu besuchen. (CVE)

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VERÄNDERUNGEN IN CHILE ???

In Chile sind zurzeit Sommerferien und genau wie hierzuland steht dann alles auf Sparflamme. Kein Wunder also, dass Berichte von Großdemos, wie sie in den vorigen Monaten wöchentlich auf der Tagesordnung standen, aus den Schlagzeilen verschwunden sind.

Wir möchten Ihnen deshalb folgende 2 Beiträge zur Lage in Chile besonders empfehlen.

Zum einen die Einschätzung der allgemeinen Lage in Chile von Silvana Buholzer Rivera, der Direktorin unser langjährigen Partnerorganisation KAIRÓS in Santiago de Chile.

Zum anderen ein Artikel des Nachrichtenforums „agência latina press – Nachrichten aus Lateinamerika und der Karibik“ über den Versuch der aktuellen rechten Regierung, die Diktatur unter Genaral Pinochet in den neuen Schulbüchern zu minimisieren.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

Santiago de Chile, 21. Dezember 2011
Zuerst einmal möchten wir euch fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2012 wünschen. Auf dass es ein Jahr voller Hoffnung werde, die Welt ein bisschen brüderlicher und solidarischer zu machen.

Die letzten zwei Jahre waren für Kairós  voller Schwierigkeiten und Unsicherheiten. Die Veränderungen, die unser Land durchgemacht hat, sind nicht die Veränderungen, die die neue Regierung im Jahr 2010 in Angriff nehmen wollte. Bei den unerfüllten Versprechen handelt es sich um soziale, politische und ökonomische Angelegenheiten. Der Führung fehlte es an Klarheit und sozialem Gespür. Bisher wurde von den vielgeführten Debatten über gute Arbeitsbedingungen, Transparenz und den großen Veränderungen, die das Land benötigt, noch nichts in die Tat umgesetzt.

Das Jahr 2011 wurde durch den  Protest  der Bürger, vor allem der jungen Studenten, gekennzeichnet, die von den Politikern des Landes und ihrer Art und Weise Politik zu machen, enttäuscht sind. Die Studenten haben uns auf großartige Weise gezeigt, wie Bürgerbeteiligung funktioniert und dass es unbedingt notwendig ist, sich um die wichtigsten Dinge unserer Gesellschaft zu kümmern:  die Bildung, die gerechte Verteilung der finanziellen Mittel und die Gleichbehandlung. Dies ist die Grundlage, um bedeutende Veränderungen in der Gesellschaft durch Mitbestimmung der Bürger zu erreichen.

Wir möchten euch zwar einige relevante Entwicklungen unseres Landes mitteilen, aber ebenso möchten wir euch wissen lassen, dass wir die Geschehnisse in Europa sorgenvoll mit verfolgen. Dies tun wir nicht nur, weil sich dies auch auf unsere wirtschaftliche Lage  auswirkt, sondern weil sicherlich viele Menschen unter dieser großen Unsicherheit leiden, die es im sozialen Bereich und auf dem Arbeitsmarkt gibt. Dies bedauern wir sehr.

Wie bereits erwähnt, ist dieses Jahr durch die vielen Demonstrationen der Studenten gekennzeichnet, die staatliche und kostenlose Bildung und das Ende der privaten Universitäten fordern. Diese Themen rütteln an unserer politischen und sozialen Struktur, da solch tiefgreifende Veränderungen notwendigerweise Veränderungen der chilenischen Verfassung des Jahres 1980 voraussetzen. Die Politiker der Rechten, die derzeit unser Land regieren, sind nicht dazu bereit, diese Veränderungen in Angriff zu nehmen.

Die Bildung ist seit dem tiefgreifenden Eingriff der Militärregierung von 1981 in privater Hand gewesen, als handele es sich dabei um ein Konsumgut. Denn nur wohlhabende Familien können es sich leisten, ihre Kinder zur Universität zu schicken; Familien des Mittelstandes ist dies nur durch Kredite möglich, die sie mit hohen Zinsen über mindestens 20 Jahre zurückbezahlen müssen; während Familien mit geringen finanziellen Mitteln  nicht einmal davon träumen können, ihren Kindern einen Universitätsabschluss zu ermöglichen. Für Leute aus Familien mit geringem Einkommen gibt es allerdings die Möglichkeit, ein Stipendium zu erhalten. Dafür müssen aber eine Reihe von Voraussetzungen, wie z.B. gute Noten im Gymnasium, erfüllt sein. Doch wissen wir, dass Kinder mit Eltern aus einer niedrigen Bildungsschicht und schwierigen Arbeitsbedingungen wenig Chancen haben gute Schüler zu sein, da sie unter erschwerten Bedingungen lernen müssen. So ist es also nur ein kleiner Prozentsatz, der sich den Traum zu studieren erfüllen kann.

Zweifelsohne ist dieses Bildungsthema kein neues, sondern begleitet uns schon seit langer Zeit.
Die Krise, die das Bildungssystem Chiles durchlebt, hat seine Wurzeln in der Belastung und den negativen Bedingungen des neoliberalen Modells während der Diktatur von Augusto Pinochet (1973 – 1990).  Unter der demokratischen Regierung der letzten 20 Jahre wurde dieses überaus sensible und wichtige Thema “Bildungssystem” bis heute nicht angegangen. Die Forderungen der Studentenbewegung gehen über das Bildungsthema hinaus. Die Studenten fordern eine Veränderung des sozioökonomischen neoliberalen Marktmodells, wie z.B.  Steuerreform und  Verstaatlichung des Kupferbergbaus. Vom politischen System verlangen sie wahrhafte partizipative Demokratie.
Die Studenten werden sich weiterhin engagieren und gegen das aktuelle Bildungssystem demonstrieren, da die Regierung bisher auf keine der Petitionen eingegangen ist, die auch von der Bürgerinitiative unterstützt werden. Mehr als 80 % der Chilenen möchten radikale Veränderungen im staatlichen Bildungssystem und im politischen System.

Ein anderes großes Versprechen, das  die Regierung uns gegeben hat, ist , die Kriminalität zu beseitigen. Die Kriminalität entsteht unter anderem durch soziale Ungerechtigkeit. Chile ist eines der Länder Lateinamerikas mit der größten Ungleichheit. Die Schere zwischen Geringverdienern und Menschen mit hohem Einkommen wird immer größer. Zudem sind die Arbeitsplätze unsicher und die Löhne so gering, dass sie oft nicht einmal  das zum Leben Notwendige abdecken.

Der Kriminalität wird nicht abgeholfen, indem die Regierung mehr Gefängnisse baut. Wir glauben, dass es weniger Kriminalität geben wird, wenn alle Menschen in der Gesellschaft gleichberechtigt sind und es eine gerechte Verteilung der Mittel gibt. Nach den neuesten Statistiken ist die Kriminalität  im letzten Jahr um 10% gestiegen. Ein weiteres nicht erfülltes Versprechen.

Was das Thema  Arbeit betrifft, so sinkt laut Regierung die Arbeitslosigkeit. Allerdings wird dabei nicht erwähnt, wie unsicher die neu geschaffenen Stellen sind. Das nationale Institut für Statistik teilt mit, dass die Arbeitslosigkeit 7,2% erreicht hat. In der Region der Hauptstadt Santiago, in welcher sich 40% der Arbeitskräfte Chiles befinden, übersteigt die Zahl der Arbeitslosigkeit den Landesdurchschnitt mit 7,6%.

Die höchste Arbeitslosigkeit besteht mit 9%  in der verarmten Region La Araucania, im Süden des Landes, in welcher hauptsächlich die indigene Bevölkerung der Mapuche lebt. Selbst dieser Prozentsatz spiegelt nicht die tatsächliche Arbeitslosigkeit wider, da die Personen, die nur ein paar Stunden im Monat gearbeitet haben, bereits als “beschäftigt” gelten. Die neuen Arbeitsplätze bringen sehr geringe Löhne und kurzzeitige Arbeitsverträge mit sich. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen oft miserabel.

Unter diesen Rahmenbedingungen arbeitet Kairós, mit sehr wenig Sicherheit, was die Entwicklung der Sozialpolitik anbelangt und ob es auch weiterhin Programme zur Finanzierung der sozialen Arbeit von Kairós geben wird. Wir stellen mit Bedauern fest, dass die finanzielle Unterstützung für unsere Arbeit immer weniger wird und dass die Prioritäten auf lukrativere Projekte  gesetzt werden. Es ist sehr schwierig für uns, unsere Aktivitäten  zu planen, da wir nie wissen, wie lange wir noch mit staatlicher Finanzierung rechnen können.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde, wir wollten euch in diesem Rundbrief einige Aspekte und Entwicklungen unseres Landes mitteilen, die wesentlich für unsere Arbeit sind.

Wir haben Glück gehabt, dass Anne Beyer, eine junge Psychologin aus Deutschland, Anfang Dezember zu uns gekommen ist, um einige Monate mit uns im Projekt zu arbeiten und uns geholfen hat diesen Brief ins Deutsche zu übersetzen und uns von ihren Eindrücken über unsere Arbeit erzählt.

Wir bedanken uns bei jedem Einzelnen von euch für eure solidarische Unterstützung, die es uns möglich macht, dass unsere Organisation weiterhin ihre Projekte für die verwundbarsten Menschen unseres Landes durchführen und weiter entwickeln kann.

Un fuerte abrazo,

SILVANA BUHOLZER RIVERA
DIRECTORA EJECUTIVA
CORPORACION KAIRÓS

http://www.kairosorg.cl/

Nationaler Bildungsrat streicht “Pinochet-Diktatur” aus Schulbüchern

Ära von General Pinochet soll Grundschülern „ausgewogener“ vermittelt werden

Aus der “Diktatur” wird das “Militärregime”, aus dem “Militärputsch” die “militärische Machtübernahme”: in Chile soll zukünftig Grundschülern die Schreckensherrschaft von General Augusto Pinochet mit seinen knapp 40.000 Opfern “ausgewogener” vermittelt werden. Einen entsprechenden Beschluss zur Abänderung der Schulbücher und des Unterrichtsmaterials hatte der Nationale Bildungsrat NCED bereits im November beschlossen, die Entscheidung wurde jedoch erst am heutigen Mittwoch (4.) bekannt.

Bildquelle: Biblioteca del Congreso Nacional de Chile

In den ersten Klassen werden die Schülerinnen und Schüler zwischen sechs und zwölf Jahren damit nichts mehr von einem “blutigen Militärputsch” hören müssen. Diese Terminologie passt anscheinend nicht mehr ins Bild der derzeitigen Rechtsregierung unter Staatspräsident Sebastián Piñera. Inwieweit der Milliardär selbst Einfluss auf die nun heftig diskutierte Entscheidung genommen hat ist unklar. Gerade die Angehörigen der Opfer – über 3.000 Oppositionelle werden auch heute noch vermisst – sehen dies als massive Geschichtsfälschung an. Der Präsident des Sozialistischen Partei des Landes, Osvaldo Andrade, fand zunächst nur ironische Worte: “Es hat Ohren wie eine Katze, den Körper einer Katze, es miaut wie eine Katze – aber manche Leute wollen, dass man es Hund nennt!”

Bildungsminister Harald Beyer erklärte am Mittwoch (4.), es selbst habe kein Problem damit, die Epoche von 1973 bis 1990 unter Pinochet als “diktatorische Regierung” zu bezeichnen, der Rat habe jedoch im November beschlossen, zukünftig “den allgemeineren Begriff Militärregime” zu verwenden. Vor der Entscheidung seien auch zahlreiche Pädagogen, Berater und Sachverständige gehört worden. Für den Kongressabgeordneten Alberto Cardemil, der bereits unter Pinochet Minister war, bedeutet die Änderungen vor allem “eine technische und fachliche Anstrengungen des Ministeriums für Bildung, der Geschichte ein ausgewogeneres Bild zu geben.” Dies sei nichts ungewöhnliches, sämtliche Länder würden mit der Zeit ihre eigene Geschichte “überarbeiten”.

Für Ex-Präsident Eduardo Frei (1994-2000) ändert die Neudefinierung jedoch keinesfalls die Geschichte oder deren Bild. “Im Bewusstsein Chiles und im internationalen Bewusstsein gab es in Chile eine beschämende Diktatur und dies wird niemand durch einen Text oder eine Stellungnahme ändern” so der heutiger Senator für die Opposition. Er selbst hatte wie viele andere auch erst am Mittwoch von den Änderungen erfahren. Ans Licht kam die heimliche Umschreibung der Geschichte auch nur durch die gesetzlich vorgeschriebene Veröffentlichung im chilenischen Amtsblatt. Die NCED hatte sich im Vorfeld in Hinblick auf ihren Beschluss vollständig in Schweigen gehüllt.

 
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