Archiv der Kategorie: CHILE
Grüße aus dem „Hogar Esperanza“ in La Florida, Santiago de Chile
Neues Projekt mit KAIROS :
Sozio-laborale Integration von Obdachlosen in Renca
Seit nunmehr über 20 Jahre kennen und unterstützen wir die chilenische NGO KAIROS, welche nach der Diktatur aus der Fundación MISSIO-Chile entstanden ist. Etliche Projekte konnten so zum Wohle der Minderbemittelten besonders der Randgemeinden Renca und Peñalolen (Großraum Santiago de Chile) durchgeführt werden. KAIROS war uns immer sehr ans Herz gewachsen wegen seiner Nähe zu den Bedürftigsten Chiles und wegen seiner basisdemokratischen und verantwortungsvoll-konsequenten Vorgehensweise.
Leider konnten wir in den letzten Jahren keine vom Luxemburger Staat kofinanzierten Projekte mehr mit KAIROS durchführen, da Chile als « Tigerstaat » Lateinamerikas nicht mehr alle Kriterien zu einer Kofinanzierung durchs Entwicklungshilfeministerium erfüllt.
Unsere Freunde haben sich durch diesen Umstand ebenso wenig entmutigen lassen wie durch die Tatsache, dass auch aus Deutschland wesentlich weniger Unterstützung kam. Die (früher von uns teilweise kofinanzierten) Kindergärten liefen weiter (mit chilenischer Finanzierung) und auch andere gesellschaftspolitische und ökologische Maßnahmen konnten in Renca aufrechterhalten werden. Dies bedingte aber eine stetige Bewerbung bei vom Staate ausgeschriebenen Projekten, welche in der Regel nur 1-2 Jahre dauern. So funktioniert inzwischen das neoliberale System im Tigerstaat Chile auch auf dem sozialen und entwicklungspolitischen Felde: Alles wird dem Markt unterworfen, für alles gibt es Konkurrenzdenken und nichts ist auf Dauer garantiert. Jeder ist sich mehr oder minder selbst überlassen und so gehen natürlich die Schwächsten im System (gewollt?) unter. Natürlich ist das nicht im Sinne von KAIROS (oder in unserem Sinne), aber mit den momentan regierenden (konservativ-neoliberalen) Parteien um Präsident Piñera wurde alles noch schlimmer.
Seit 2006 gab es in Santiago ein (noch von der Regierung Bachelet eingeleitetes) Pilotprojekt des chilenischen Entwicklungsministeriums zusammen mit FOSIS ( Fondo Solidario de Inversion Social). Dieses beinhaltete ein Auffangprojekt für die « Leute der Straße » (« personas en situacion de calle »), also die Obdachlosen, welche es zu Tausenden in Santiago gibt. Private und öffentliche Organisationen waren aufgerufen mitzumachen, jeder auf seine (in einem Projekt zu präsentierende) Art. So hat auch KAIROS seitdem sich hier aktiv beteiligt und sehr gute Arbeit und Erfahrungen gemacht. 2010-2011 hat sich daraus sogar eine Initiative zur Arbeitsbeschaffung der Obdachlosen entwickelt, wo die Mitarbeiter von KAIROS mit bis zu 100 Leuten aktiv soziolaborale Integrationsarbeit leisteten. Auch wurden während der Wintermonate (Juni bis August) Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen, wo die Obdachlosen auch Essen, Kleidung, Wärme und medizinische Hilfe bekommen konnten. So wurden den Leuten elementare Menschenrechte und Würde zuteil.
Nun ist es aber so, dass unter der Regierung Piñera so einiges im sozialen Bereich im Argen liegt, ob gewollt oder verursacht durch ein heilloses Chaos in verschiedenen Ministerien. Dadurch sind einige soziale Programme im Moment ohne jegliche finanzielle Unterstützung. Unter diesen Umstand fällt auch das bis jetzt so verheißungsvolle Obdachlosenprogramm. Die Zahlungen an die NGOs für das Jahr 2012 lassen auf sich warten und für 2013 gibt es noch gar kein Budget, geschweige denn Antworten auf die Anfragen der NGOs, welche all die Jahre im Programm engagiert waren. Dies ist umso schlimmer, als der Winter in Chile immer die meisten Opfer unter den Obdachlosen fordert und die NGOs mit leeren Händen Anfang Juni dastanden. Indes vergibt die Regierung vor allem Großaufträge an ihr (gesellschaftspolitisch) nahestehende Firmen und Gesellschaften und setzt so sogar den sozialen Frieden im Lande kurz vor den Wahlen aufs Spiel.
Um die sehr gute Arbeit von KAIROS im Obdachlosenprogramm (und ihre guten Kontakte im Milieu) nicht gänzlich verpuffen zu lassen und überdies unsere Solidarität mit unserem Partner zu unterstreichen, hat Niños de la Tierra beschlossen, finanziell einzuspringen, um auch diesen Winter eine KAIROS-präsenz auf den Straßen Rencas zu garantieren.
Das so ermöglichte « Miniprojekt » erstreckt sich über die 3 Wintermonate in Renca und betrifft 40 Obdachlose, welche schon KAIROS bekannt sind und gute Integrationschancen haben. Diese Leute werden sozial begleitet, psychologisch betreut, in Kursen geschult und besonders menschlich dahingehend gefestigt, dass eine Arbeitsfindung reelle Chancen hat. Durch die guten Kontakte von KAIROS mit Behörden, sozialen Netzwerken und sozial engagierten Firmen kann man hier mit 80% Erfolgsaussichten rechnen. Die Mannschaft welche das Projekt betreut, besteht aus 4 Leuten (3 Sozialarbeiter und 1 Psychologin), wovon 2 ständig auf der Straße aktiv sind (jeweils für 20 Leute zuständig), die 2 anderen eher «interne Aufgaben» erfüllen (individuelle psychologische Betreuung, konkrete individuelle Hilfe: Hygiene, Curriculum, Identitätspapiere, Adiktologie, Einschreibungen/Bewerbungen), diverse Kurse, Koordination des Programms). Auf diese Weise werden wenigsten 40 «Leute der Straße», welche sich schon 2012 durch Mitarbeit und Interesse an einer Lösung ihrer persönlichen Probleme hervortaten, nicht ihrer Chance beraubt, etwas dauerhaft-positiv in ihrem Leben zu verändern.
Dieses « Winterprojekt » mit KAIROS finanziert Niños de la Tierra mit 11.500 Euro. Wie gesagt, kann dies nicht vom Luxemburger Staat kofinanziert werden, ist uns aber jeden Euro wert, da dieses Projekt einerseits den Finger in eine offene (gesellschaftspolitische) Wunde Chiles legt und andererseits die Arbeitsweise und entwicklungspolitische Grundeinstellung von KAIROS aufs positivste bestätigt.
Jean-Paul Hammerel
Karoline Mayer wird „Heldin des Friedens 2013“
Auszeichnung der Katholischen Universität Alberto Hurtado in Santiago de Chile
Karoline wurde am 25. Oktober 2013 mit dem Preis „Heldin des Friedens“ (Héroe de la paz 2013) der Jesuitenuniversität „Alberto Hurtado“ in Santiago de Chile ausgezeichnet. Sie erhielt den Preis in Anerkennung ihrer Arbeit zum Wohl der Allerärmsten. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre an Persönlichkeiten verliehen, „die, wie Padre Hurtado, sich in ihrem Dienst in den Bereichen der Gerechtigkeit, Versöhnung, Solidarität und des Fortschritts hervorgetan haben“. Die feierliche Übergabe fand im Ehrensaal des Nationalkongresses in Santiago statt.
Nahrungssicherheit für Mapuche Kleinbauern
“Wer weiß schon, dass Hunderte von Millionen kleinbäuerlicher Familien, die das Gros der hungernden Massen bilden, durchschnittlich nur ein bis zwei Hektar oder noch weniger Boden bebauen…?”
“Die Strategien, mit denen sich Hunger und Mangelernährung eindämmen lassen, sind komplex und müssen der Vielfalt der Bewirtschaftungsformen und der Verhältnisse im jeweiligen Land angepasst sein. Bei allen Unterschieden stellt sich jedoch in zahlreichen Entwicklungsländern die entscheidende Frage nach einer Agrarreform und dem Zugang zu Boden. Beides bildet eine Voraussetzung für jede erneute Ausweitung der Agrarproduktion und jede substantielle Verringerung von Armut “
“Nationale wie internationale Finanzierungen müssen dazu beitragen,die ländlichen Infrastrukturen zu verbessern und den Bauern Zugang zu Rohstoffen, Krediten und Know-how zu erleichtern”
Aus “Mordshunger” von Jean Feyder
Ende März waren wir zu Besuch in den Mapuche Gemeinschaften José Carvajal und Francisco Huentro Painemil in Chile. Dies sind zwei von vier Gemeinschaften aus der Gemeinde Freire, die zurzeit mit unserer Partnerorganisation Fundecam ein Entwicklungsprogramm durchführen. Finanziert wird das Projekt von “Niños de la Tierra”. Drei Jahre lang soll den vier Gemeinschaften zu größerer Nahrungssicherheit verholfen werden. Auch die Ausbildung der Verantwortlichen und die Stärkung der Organisationen sind notwendig für ihre Weiterentwicklung.
350 Menschen sind von dem Projekt betroffen. Sie leben in großer Armut. In der Vergangenheit mussten sie ohne Hilfestellung der öffentlichen Instanzen auskommen. Ihre Armut hängt eng mit dem Landmangel zusammen. Für Viehzucht und Ackerbau besitzen sie als Kleinbauern nur 1 bis 1,5 Hektar pro Familie. Einst verfügten sie, die Ureinwohner Chiles, über große Landflächen. Enteignet wurden sie zuerst von den Spaniern und zuletzt unter Pinochet.
Es ist schwer, vom Ertrag solch kleiner Flächen zu leben. Eine optimale Bewirtschaftung ist unerlässlich, um die Nahrungssicherheit in etwa zu gewährleisten. Unser Partner Fundecam bietet den Gemeinschaften Kurse an über Bodenbearbeitung, Fruchtfolge, Produktion von organischem Dünger, geeignete Pflanzen, Konservierung von Nahrungsmitteln und den Umgang mit Wasser. Denn Wassermangel wird immer mehr zum großen Problem. Pflanzen, die viel Wasser benötigen, werden nicht mehr angebaut. 500 l Trinkwasser pro Familie werden einmal die Woche von der Gemeinde geliefert und in einem Fass aufbewahrt.
Weil die betroffenen Familien kaum über eigenes Einkommen verfügen, sind im Projekt soziale Kredite vorgesehen, um kleine aber wichtige Investitionen in der kleinbäuerlichen Produktion zu ermöglichen. Es handelt sich um “Mikrokredite”, die zur Hälfte von den Familien zurückbezahlt werden. Verwaltet werden die Kredite von der Leitung der Gemeinschaften unter der Kontrolle unserer Partnerorganisation vor Ort. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Selbstverwaltung auf sehr verantwortliche Weise durchgeführt wird. Dieses Vorgehen lehrt die indigenen Familien, mit Geld umzugehen, drückt Vertrauen aus und respektiert ihre Würde. 10.000.-€ sind pro Jahr für diesen Rotationsfonds im Projekt vorgesehen. Das Geld bleibt den Gemeinschaften erhalten, bis es ganz aufgebraucht ist.
Wie nutzen die Familien diese Kredite? Die meisten kaufen zuerst Draht, um ihre Gärten zu umzäunen, damit das Gemüse nicht von den Tieren gefressen wird. Sie umzäunen ihre Wiesen, so dass die Tiere nicht weglaufen können. Sie kaufen Zinkblech und Holz, um kleine Ställe und Scheunen zu bauen, Plastikfolie für Gewächshäuser, sowie geeignetes Saatgut und Tiere zum Züchten, hauptsächlich Hühner, Schafe und Schweine. Diese sind eine wichtige Nahrungsquelle, verbrauchen wenig und bringen beim Verkauf etwas Geld.
Hier geht es wirklich um Grundbedürfnisse!
Parallel zu den Maßnahmen im Bereich Nahrungssicherheit werden die Verantwortlichen der Gemeinschaften ausgebildet. Sie lernen die Bestimmungen der indigenen Gesetzgebung kennen, damit sie ihre Rechte besser in Anspruch nehmen können. Den “dirigentes” wird in den Kursen aufgezeigt, wie sie sich besser organisieren und sich gegebenenfalls mit andern Gemeinschaften vernetzen und austauschen können. Gemeinsam handeln, macht stärker. Die Verantwortlichen lernen, wie man Projekte entwirft und formuliert. So können sie Fördergelder beantragen von der Gemeinde, der Region und vom Staat.
Die Gemeinschaft José Carvajal hat noch weit größere Probleme zu lösen. Von den etwa 100 Mitgliedern sind 25 von einer erblichen Augenkrankheit betroffen, die im Alter von 15 bis 25 Jahren zur Erblindung führt. David Carvajal, der Verantwortliche der Gemeinschaft, ist selbst blind. Zwei Jahre wartet er schon auf eine Augenoperation im öffentlichen Gesundheitssystem.
Am Anfang reagierte die Gemeinschaft mit großer Skepsis auf das Angebot zur Unterstützung. Bisher wurde ihnen jede Hilfe verwehrt. Wir haben im Projekt eine Begleitung von vier Stunden pro Woche vorgesehen für alle, die an der Augenkrankheit leiden. Diese Begleitung soll jede mögliche Hilfestellung geben, um die Behandlung und die Unterstützung zu organisieren. Bei unserm Besuch konnten wir feststellen, dass diese wichtige Hilfestellung zurzeit noch nicht ausreichend ist. 53 Besuche bei einem privaten Augenarzt wurden in kürzester Zeit durchgeführt, Brillen für die Kinder müssen gekauft werden. Weitere Maßnahmen sind erforderlich. Die Begleitung wurde einstweilen verstärkt und wir hoffen auf gezielte Spenden, um auf diese Problematik zu antworten.
Um nachhaltig aus der Armutsfalle auszubrechen und die Nahrungssicherheit (food security) hin zur Ernährungssicherheit (nutrition security) zu verbessern, müssten Lösungen erarbeitet und finanziert werden, die den Gemeinschaften ausreichenden Zugang zu Wasser und die Anschaffung von zusätzlichem Land ermöglichen.
Yvette Schweich-Lux
Fotos : Yvette Schweich-Lux
Die Cristo-Vive-Familie trauert um Fernando Massad
Im Alter von 51 Jahren starb am 29. Juli in Santiago de Chile der Geschäftsführer der Fundación Cristo Vive, Fernando Massad. Er erlag einer Krebserkrankung, gegen die er ein Jahr lang vergebens angekämpft hat. Massad hat 1997 einen Managerposten in der chilenischen Wirtschaft aufgegeben, um in der Gefolgschaft von Schwester Karoline den Armen zu dienen. Er arbeitete zunächst als Freiwilliger, dann als Angestellter der Fundación und seit 2002 als deren Geschäftsführer. Mehrmals war er bei Jahrestreffen von Cristo Vive Europa in Deutschland dabei und profitierte von dieser Gelegenheit Niños de la Tierra in Bettemburg zu besuchen. (CVE)
VERÄNDERUNGEN IN CHILE ???
In Chile sind zurzeit Sommerferien und genau wie hierzuland steht dann alles auf Sparflamme. Kein Wunder also, dass Berichte von Großdemos, wie sie in den vorigen Monaten wöchentlich auf der Tagesordnung standen, aus den Schlagzeilen verschwunden sind.
Wir möchten Ihnen deshalb folgende 2 Beiträge zur Lage in Chile besonders empfehlen.
Zum einen die Einschätzung der allgemeinen Lage in Chile von Silvana Buholzer Rivera, der Direktorin unser langjährigen Partnerorganisation KAIRÓS in Santiago de Chile.
Zum anderen ein Artikel des Nachrichtenforums „agência latina press – Nachrichten aus Lateinamerika und der Karibik“ über den Versuch der aktuellen rechten Regierung, die Diktatur unter Genaral Pinochet in den neuen Schulbüchern zu minimisieren.
Liebe Freundinnen, liebe Freunde,
Santiago de Chile, 21. Dezember 2011
Zuerst einmal möchten wir euch fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2012 wünschen. Auf dass es ein Jahr voller Hoffnung werde, die Welt ein bisschen brüderlicher und solidarischer zu machen.
Die letzten zwei Jahre waren für Kairós voller Schwierigkeiten und Unsicherheiten. Die Veränderungen, die unser Land durchgemacht hat, sind nicht die Veränderungen, die die neue Regierung im Jahr 2010 in Angriff nehmen wollte. Bei den unerfüllten Versprechen handelt es sich um soziale, politische und ökonomische Angelegenheiten. Der Führung fehlte es an Klarheit und sozialem Gespür. Bisher wurde von den vielgeführten Debatten über gute Arbeitsbedingungen, Transparenz und den großen Veränderungen, die das Land benötigt, noch nichts in die Tat umgesetzt.
Das Jahr 2011 wurde durch den Protest der Bürger, vor allem der jungen Studenten, gekennzeichnet, die von den Politikern des Landes und ihrer Art und Weise Politik zu machen, enttäuscht sind. Die Studenten haben uns auf großartige Weise gezeigt, wie Bürgerbeteiligung funktioniert und dass es unbedingt notwendig ist, sich um die wichtigsten Dinge unserer Gesellschaft zu kümmern: die Bildung, die gerechte Verteilung der finanziellen Mittel und die Gleichbehandlung. Dies ist die Grundlage, um bedeutende Veränderungen in der Gesellschaft durch Mitbestimmung der Bürger zu erreichen.
Wir möchten euch zwar einige relevante Entwicklungen unseres Landes mitteilen, aber ebenso möchten wir euch wissen lassen, dass wir die Geschehnisse in Europa sorgenvoll mit verfolgen. Dies tun wir nicht nur, weil sich dies auch auf unsere wirtschaftliche Lage auswirkt, sondern weil sicherlich viele Menschen unter dieser großen Unsicherheit leiden, die es im sozialen Bereich und auf dem Arbeitsmarkt gibt. Dies bedauern wir sehr.
Wie bereits erwähnt, ist dieses Jahr durch die vielen Demonstrationen der Studenten gekennzeichnet, die staatliche und kostenlose Bildung und das Ende der privaten Universitäten fordern. Diese Themen rütteln an unserer politischen und sozialen Struktur, da solch tiefgreifende Veränderungen notwendigerweise Veränderungen der chilenischen Verfassung des Jahres 1980 voraussetzen. Die Politiker der Rechten, die derzeit unser Land regieren, sind nicht dazu bereit, diese Veränderungen in Angriff zu nehmen.
Die Bildung ist seit dem tiefgreifenden Eingriff der Militärregierung von 1981 in privater Hand gewesen, als handele es sich dabei um ein Konsumgut. Denn nur wohlhabende Familien können es sich leisten, ihre Kinder zur Universität zu schicken; Familien des Mittelstandes ist dies nur durch Kredite möglich, die sie mit hohen Zinsen über mindestens 20 Jahre zurückbezahlen müssen; während Familien mit geringen finanziellen Mitteln nicht einmal davon träumen können, ihren Kindern einen Universitätsabschluss zu ermöglichen. Für Leute aus Familien mit geringem Einkommen gibt es allerdings die Möglichkeit, ein Stipendium zu erhalten. Dafür müssen aber eine Reihe von Voraussetzungen, wie z.B. gute Noten im Gymnasium, erfüllt sein. Doch wissen wir, dass Kinder mit Eltern aus einer niedrigen Bildungsschicht und schwierigen Arbeitsbedingungen wenig Chancen haben gute Schüler zu sein, da sie unter erschwerten Bedingungen lernen müssen. So ist es also nur ein kleiner Prozentsatz, der sich den Traum zu studieren erfüllen kann.
Zweifelsohne ist dieses Bildungsthema kein neues, sondern begleitet uns schon seit langer Zeit.
Die Krise, die das Bildungssystem Chiles durchlebt, hat seine Wurzeln in der Belastung und den negativen Bedingungen des neoliberalen Modells während der Diktatur von Augusto Pinochet (1973 – 1990). Unter der demokratischen Regierung der letzten 20 Jahre wurde dieses überaus sensible und wichtige Thema “Bildungssystem” bis heute nicht angegangen. Die Forderungen der Studentenbewegung gehen über das Bildungsthema hinaus. Die Studenten fordern eine Veränderung des sozioökonomischen neoliberalen Marktmodells, wie z.B. Steuerreform und Verstaatlichung des Kupferbergbaus. Vom politischen System verlangen sie wahrhafte partizipative Demokratie.
Die Studenten werden sich weiterhin engagieren und gegen das aktuelle Bildungssystem demonstrieren, da die Regierung bisher auf keine der Petitionen eingegangen ist, die auch von der Bürgerinitiative unterstützt werden. Mehr als 80 % der Chilenen möchten radikale Veränderungen im staatlichen Bildungssystem und im politischen System.
Ein anderes großes Versprechen, das die Regierung uns gegeben hat, ist , die Kriminalität zu beseitigen. Die Kriminalität entsteht unter anderem durch soziale Ungerechtigkeit. Chile ist eines der Länder Lateinamerikas mit der größten Ungleichheit. Die Schere zwischen Geringverdienern und Menschen mit hohem Einkommen wird immer größer. Zudem sind die Arbeitsplätze unsicher und die Löhne so gering, dass sie oft nicht einmal das zum Leben Notwendige abdecken.
Der Kriminalität wird nicht abgeholfen, indem die Regierung mehr Gefängnisse baut. Wir glauben, dass es weniger Kriminalität geben wird, wenn alle Menschen in der Gesellschaft gleichberechtigt sind und es eine gerechte Verteilung der Mittel gibt. Nach den neuesten Statistiken ist die Kriminalität im letzten Jahr um 10% gestiegen. Ein weiteres nicht erfülltes Versprechen.
Was das Thema Arbeit betrifft, so sinkt laut Regierung die Arbeitslosigkeit. Allerdings wird dabei nicht erwähnt, wie unsicher die neu geschaffenen Stellen sind. Das nationale Institut für Statistik teilt mit, dass die Arbeitslosigkeit 7,2% erreicht hat. In der Region der Hauptstadt Santiago, in welcher sich 40% der Arbeitskräfte Chiles befinden, übersteigt die Zahl der Arbeitslosigkeit den Landesdurchschnitt mit 7,6%.
Die höchste Arbeitslosigkeit besteht mit 9% in der verarmten Region La Araucania, im Süden des Landes, in welcher hauptsächlich die indigene Bevölkerung der Mapuche lebt. Selbst dieser Prozentsatz spiegelt nicht die tatsächliche Arbeitslosigkeit wider, da die Personen, die nur ein paar Stunden im Monat gearbeitet haben, bereits als “beschäftigt” gelten. Die neuen Arbeitsplätze bringen sehr geringe Löhne und kurzzeitige Arbeitsverträge mit sich. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen oft miserabel.
Unter diesen Rahmenbedingungen arbeitet Kairós, mit sehr wenig Sicherheit, was die Entwicklung der Sozialpolitik anbelangt und ob es auch weiterhin Programme zur Finanzierung der sozialen Arbeit von Kairós geben wird. Wir stellen mit Bedauern fest, dass die finanzielle Unterstützung für unsere Arbeit immer weniger wird und dass die Prioritäten auf lukrativere Projekte gesetzt werden. Es ist sehr schwierig für uns, unsere Aktivitäten zu planen, da wir nie wissen, wie lange wir noch mit staatlicher Finanzierung rechnen können.
Liebe Freundinnen, liebe Freunde, wir wollten euch in diesem Rundbrief einige Aspekte und Entwicklungen unseres Landes mitteilen, die wesentlich für unsere Arbeit sind.
Wir haben Glück gehabt, dass Anne Beyer, eine junge Psychologin aus Deutschland, Anfang Dezember zu uns gekommen ist, um einige Monate mit uns im Projekt zu arbeiten und uns geholfen hat diesen Brief ins Deutsche zu übersetzen und uns von ihren Eindrücken über unsere Arbeit erzählt.
Wir bedanken uns bei jedem Einzelnen von euch für eure solidarische Unterstützung, die es uns möglich macht, dass unsere Organisation weiterhin ihre Projekte für die verwundbarsten Menschen unseres Landes durchführen und weiter entwickeln kann.
Un fuerte abrazo,
SILVANA BUHOLZER RIVERA
DIRECTORA EJECUTIVA
CORPORACION KAIRÓS
Nationaler Bildungsrat streicht “Pinochet-Diktatur” aus Schulbüchern
Ära von General Pinochet soll Grundschülern „ausgewogener“ vermittelt werden
Aus der “Diktatur” wird das “Militärregime”, aus dem “Militärputsch” die “militärische Machtübernahme”: in Chile soll zukünftig Grundschülern die Schreckensherrschaft von General Augusto Pinochet mit seinen knapp 40.000 Opfern “ausgewogener” vermittelt werden. Einen entsprechenden Beschluss zur Abänderung der Schulbücher und des Unterrichtsmaterials hatte der Nationale Bildungsrat NCED bereits im November beschlossen, die Entscheidung wurde jedoch erst am heutigen Mittwoch (4.) bekannt.
Bildquelle: Biblioteca del Congreso Nacional de Chile
In den ersten Klassen werden die Schülerinnen und Schüler zwischen sechs und zwölf Jahren damit nichts mehr von einem “blutigen Militärputsch” hören müssen. Diese Terminologie passt anscheinend nicht mehr ins Bild der derzeitigen Rechtsregierung unter Staatspräsident Sebastián Piñera. Inwieweit der Milliardär selbst Einfluss auf die nun heftig diskutierte Entscheidung genommen hat ist unklar. Gerade die Angehörigen der Opfer – über 3.000 Oppositionelle werden auch heute noch vermisst – sehen dies als massive Geschichtsfälschung an. Der Präsident des Sozialistischen Partei des Landes, Osvaldo Andrade, fand zunächst nur ironische Worte: “Es hat Ohren wie eine Katze, den Körper einer Katze, es miaut wie eine Katze – aber manche Leute wollen, dass man es Hund nennt!”
Bildungsminister Harald Beyer erklärte am Mittwoch (4.), es selbst habe kein Problem damit, die Epoche von 1973 bis 1990 unter Pinochet als “diktatorische Regierung” zu bezeichnen, der Rat habe jedoch im November beschlossen, zukünftig “den allgemeineren Begriff Militärregime” zu verwenden. Vor der Entscheidung seien auch zahlreiche Pädagogen, Berater und Sachverständige gehört worden. Für den Kongressabgeordneten Alberto Cardemil, der bereits unter Pinochet Minister war, bedeutet die Änderungen vor allem “eine technische und fachliche Anstrengungen des Ministeriums für Bildung, der Geschichte ein ausgewogeneres Bild zu geben.” Dies sei nichts ungewöhnliches, sämtliche Länder würden mit der Zeit ihre eigene Geschichte “überarbeiten”.
Für Ex-Präsident Eduardo Frei (1994-2000) ändert die Neudefinierung jedoch keinesfalls die Geschichte oder deren Bild. “Im Bewusstsein Chiles und im internationalen Bewusstsein gab es in Chile eine beschämende Diktatur und dies wird niemand durch einen Text oder eine Stellungnahme ändern” so der heutiger Senator für die Opposition. Er selbst hatte wie viele andere auch erst am Mittwoch von den Änderungen erfahren. Ans Licht kam die heimliche Umschreibung der Geschichte auch nur durch die gesetzlich vorgeschriebene Veröffentlichung im chilenischen Amtsblatt. Die NCED hatte sich im Vorfeld in Hinblick auf ihren Beschluss vollständig in Schweigen gehüllt.
Mapuche-Pastoral verurteilt Antiterrorgesetz
in „Blickpunkt Lateinamerika“ 06.06.2011
Chile / Argentinien
Empört hat die Mapuche-Pastoral auf die Entscheidung von Chiles Oberstem Gerichtshof vom 3. Juni reagiert, wonach die Anwendung des Antiterrorgesetzes rechtmäßig sei. In einer gemeinsamen Erklärung der Mapuche-Pastoral der Diözesen Los Ángeles, Santiago, Valparaíso, Concepción und Temuco aus Chile sowie der Diözesen Neuquén und Bariloche aus Argentinien heißt es, die berechtigten Anliegen der Mapuche könnten weder durch Kriminalisierung noch durch Anwendung des Antiterrorgesetzes gelöst werden. (Hintergrundinformation zum vorliegenden Prozess gibt’s hier)
Missachtung internationalen Rechts
Chiles Regierung sei in der Vergangenheit unter anderem vom UN-Menschenrechtskomitee auf ihre Verpflichtung hingewiesen worden, die nationale Gesetzgebung internationalen rechtlichen Menschenrechts-Standards anzupassen. Das Antiterrorgesetz müsse schon deshalb abgelehnt werden, weil Zeugenaussagen herangezogen werden könnten, die anonym abgegeben werden. Die Forderungen der Mapuche seien vor dem geschichtlichen Hintergrund Chiles legitim, der Staat habe die Rechte der Indigenen systematisch verletzt. Der chilenische Innenminister Rodrigo Hinzpeter habe den Obersten Gerichtshof über seinen Anwalt gebeten, das Urteil nicht zu annullieren. Damit heiße die Regierung die Anwendung des Antiterrorgesetzes gegen die Mapuche gut, in klarem Widerspruch zu diversen eigenen Erklärungen und Vereinbarungen. (bs)
Hier der Link zur Erklärung (auf Spanisch): http://documentos.iglesia.cl
Chilenen wollen keine Mega-Staudämme
in „Blickpunkt Lateinamerika“ http://www.blickpunkt-lateinamerika.de
Chile 01.06.2011
Proteste gegen Hydroaysén im Mai 2011 / Greenpeace, Flickr
Immer wieder gehen die Chilenen auf die Straße: Am Samstag waren es in der Hauptstadt Santiago rund 13.000 Demonstranten, die gegen den Bau von fünf Staudämmen und Wasserkraftwerken im Süden des Landes protestierten – diesmal friedlich.
In den vergangenen Wochen waren bei Kundgebungen in mehreren chilenischen Städten Polizisten mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas gegen die Protestierer vorgegangen; mehr als 100 Personen wurden verhaftet.
Megaprojekt im Naturschutzgebiet
Geplant ist das Megaprojekt HydroAysen in Patagonien mitten in einem der größten Naturschutzgebiete der Welt. In der Region Aysen sollen zwei Flüsse gestaut und 5.900 Hektar Land geflutet werden, um Strom zu erzeugen. Damit soll allerdings nicht der Süden versorgt werden, sondern vor allem die Metropole Santiago. Für den Transport der Energie sollen Hochspannungsleitungen sorgen, die unter anderem durch Nationalparks und Reservate verlaufen werden.
Eine Umweltkommission in Aysen hatte den Bau der Staudämme Anfang Mai genehmigt. Drei Jahre lang hatte sie über das Projekt beraten und Umweltschützer und Bewohner der Region gegen das Vorhaben aufgebracht. Nun fehlt nur noch die Genehmigung für den Bau der Riesenstromleitungen. Das nötige Verfahren dazu will Staatspräsident Sebastian Pinera jetzt zügig voranbringen.
Zwei Drittel der Chilenen gegen das Projekt
Nicht nur Umweltschützer, auch Politiker aus allen Parteien, Studenten, Gewerkschafter oder Unternehmer sind gegen das Großprojekt. Im April sprachen sich in einer Umfrage rund 61 Prozent der Chilenen gegen HydroAysen aus. Ein Grund, warum sich die Bevölkerung jetzt durch die Kommissionsentscheidung übergangen und bevormundet fühlt. Große unberührte und einzigartige Landschaften würden zerstört, so die Gegner, und alternative Konzepte der Energieerzeugung gar nicht erst in Betracht gezogen. Den wachsenden Strombedarf könne man auch mit Wind- oder Sonnenenergie decken.
Bischöfe: „Bau ethisch inakzeptabel“
Auch die katholischen Bischöfe melden sich zu Wort und stellen sich eindeutig gegen das Vorhaben. Die Entscheidung für den Bau basiere allein auf wirtschaftlichem Interesse, und das sei „ethisch inakzeptabel und bedauerlich; das Volk wird verhöhnt“, heißt es in einem Hirtenschreiben. Der Fortschritt eines Landes könne nicht auf Kosten der Umwelt vorangetrieben werden. Die Bischöfe verlangen von der Regierung, über solche Großprojekte nur im Dialog mit der Bevölkerung zu entscheiden.
Familiäre Interessen
Pinera dagegen verteidigt das Projekt. Die Energieproduktion müsse in den kommenden Jahren verdoppelt werden, um mit dem Wirtschaftswachstum des Landes Schritt halten zu können. Nicht nur darüber ist die Beliebtheit des Präsidenten in den vergangenen Wochen gesunken. Besonders eine familiäre Verbindung wirft Schatten auf seine Person: Sein Schwager ist Geschäftsleiter des chilenischen Unternehmens Colbun, das das Milliardenprojekt HydroAysen gemeinsam mit der spanisch-italienischen Firma Endesa-Enel bauen soll.
Wasserkraftwerke oft umstritten
Wasserkraftwerke gehören zu den größten Bauwerken der Menschheit. Aber gerade deshalb gehen sie vielfach auch mit größten Protesten einher. In Belo Monte im Amazonasgebiet Brasiliens soll das drittgrößte Wasserkraftwerk weltweit entstehen. Doch der Bau würde die Lebensgrundlage zahlreicher indigener Völker zerstören. Zehntausende Menschen müssten umgesiedelt und mehr als 500 Quadratkilometer Gelände unter Wasser gesetzt werden.
Und auch das größte Kraftwerk der Erde, der Drei-Schluchten-Damm in China, zeigt fünf Jahren nach seiner Fertigstellung die Probleme solcher Megaprojekte auf. Häufige Erdrutsche bedrohen Bewohner in der Umgebung, weil wechselnder Wasserstand die Ufer aufweicht. Die Regierung musste vor rund zwei Wochen einräumen, dass der Damm das ökologische Gleichgewicht durcheinandergebracht habe.
In Chile werden die Proteste anhalten: Die Bürger wollen das HydroAysen-Projekt nicht. Nun hat auch noch das Parlament einer Untersuchungskommission zugestimmt, die das Genehmigungsverfahren wegen möglicher Unregelmäßigkeiten genau unter die Lupe nehmen soll. Einstweilen fließt also noch einiges Wasser die Flüsse in der Region Aysen herunter.
Camilla Landbö (kna), Santiago de Chile











