TEATROBUS – der Durchbruch

Projekt « Teatro-Bus » wird von der Stadt Luxemburg subventionniert

Niños de la Tierra hat die große Freude Ihnen mitteilen zu können, dass das Projekt «Teatro-Bus» unserer Freundin Diane Catani (Santiago de Chile) in diesem Jahr (2016) durch die Stadt Luxemburg subventioniert wird. Auf Anfrage von Niños de la Tierra (im Kontext der jährlichen Subventionspolitik der Stadt für Projekte in Entwicklungsländern) hat die Stadtverwaltung das eingereichte Projekt zurückbehalten: Mit den zugesagten 19.997.- Euro ist somit ein großer Teil der Kosten des Projekts «Goûter l’art, pas la drogue au Chili» (sinngemäß «an der Kunst, nicht an den Drogen schnuppern») für 2016 abgedeckt.

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Die Gruppe der Stelzengänger beim Karnevalsumzug 2016 in Santiago de Chile

Das seit einiger Zeit auch von unserer ONG unterstützte Projekt hat zum Ziel, den Kindern der Vorstadtgemeinde Recoleta (bekannt für eine sehr aktive Drogenszene und hohe Kriminalität) durch Kunst, Theater, Tanz und Straßenzirkus eine Alternative zu bieten, ihre Freizeit kreativ zu gestalten und sich von den Drogen fern zu halten. Seit über 6 Jahren hat Diane eine kräftezehrende aber erfolgreiche Arbeit in Recoleta aufgebaut, welche bereits lokal und regional bekannt ist und immer mehr junge Leute (und deren Eltern) anzieht. Ihre Gruppe ist gewachsen und wird demnächst mit einem «richtigen» Bus in den nördlichen Gemeinden Santiagos präsent und aktiv sein.

Wir freuen uns, dass die Stadt Luxem­burg durch ihre Subventionierung, dieses Projekt unserer Partner NGO valorisiert hat und damit beweist, dass sie die präventive Arbeit in der Drogenbekämpfung zu schätzen weiß.

Niños de la Tierra asbl. sowie auch die Luxemburger Vereinigung Andamos, bleiben weiterhin verlässliche Partner für Dianes Arbeit.

Jean-Paul Hammerel

25 Jahre CRISTO VIVE CHILE

Einer Person und ihrem Sozialwerk hat unsere ONG Niños de la Tierra, gegründet 1987 unter der Bezeichnung „Chiles Kinder“, von Anfang an die Treue gehalten: Karoline Mayer.

Mit einer Gruppe von Gleichgesinnten rief unsere unermüdliche Freundin 1990 die FUNDACION CRISTO VIVE CHILE (FCVC) ins Leben, eine enorm wichtige Institution zur Bekämpfung der Armut in den Elendsvierteln im Norden von Santiago de Chile. Von ihren Diensten seien erwähnt: Krippen und Tagesstätten für insgesamt 1000 Kinder, zwei Berufsbildungsschulen bzw. Drogen-Rehabilitationszentren, Gesundheitsversorgung für 20.000 Bedürftige, sowie Unterstützung für Arbeitslose und Obdachlose. 450 Festangestellte sowie 70 Freiwillige sorgen sich um tausende von Frauen, Männern und Kindern, die in der Kalkulation des neoliberalen chilenischen Staates wenig zählen und die ohne die Hilfe der FCVC dahinvegetieren müssten.

Wir bewundern Karoline und ihre Mitstreiter, beglückwünschen sie zu ihrem Engagement und hoffen mit ihnen, dass in den kommenden Jahren der Staat mehr Verantwortung für die kleinen Leute übernehmen wird.

Michel Schaack

Regionaler Kulturpreis für die EPA


Im Dezember 2014 wurde die NRO Corporación Cultural CREARTE – Escuela Popular de Artes vom Regionalen Kunst- und Kulturrat Valparaíso ausgezeichnet. Bei der Prämierung „Kunst und Kultur 2014“ erhielt die Schule in der Sparte „Erziehung, Kunst und Kultur“ den ersten Preis als ein herausragendes inklusives und sozial engagiertes Projekt, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, mittels innovativer Methoden der Kunst- und Musikpädagogik Entwicklungschancen für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Die Auszeichnung nahmen Bernardo Zamora, Direktor der EPA, zusammen mit den beiden ProjektgründerInnen, Michaela Weyand und Eduardo Cisternas, im Veranstaltungssaal des Pablo Neruda Museums in Valparaíso entgegen.

Eine zweite wichtige Nachricht in diesem Zusammenhang ist, dass die EPA am 7. Januar 2015 das Projekt „Verbesserung der offenen Kulturbühne EPA“ gewonnen hat, das vom Nationalen Kulturrat vergeben wurde. Es handelt sich um eine Zuwendung in Höhe von 14.990.611 $ (chilenischen pesos), umgerechnet ca. 20.820 Euros, die dafür verwendet werden sollen, den Innenhof der EPA  zu überdachen und mit einem Zeltdach sowie einem für Veranstaltungen geeigneten Boden auszustatten. Dieses Projekt wird es ermöglichen, nicht nur wie bisher bei gutem Wetter, sondern das ganze Jahr über kulturelle Veranstaltungen und Präsentationen in den Sparten Theater, Musik und Tanz durchzuführen. Somit wird für die BewohnerInnen der Hügel von Vina del Mar eine wichtige Instanz zur Teilhabe am kulturellen Leben auf kommunaler Ebene geschaffen.
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Auszeichnung für „unsere“ Kultur- und Musikschule EPA

 

Der regionale Kulturrat vergibt den ersten Preis in der Sparte „Kunst, Kultur und Erziehung“ an die EPA.

Die NRO Corporación Cultural CREARTE – Escuela Popular de Artes erhält die Anerkennung des Regionalen Kunst- und Kulturrates Valparaíso und erzielt den ersten Preis im Bereich „Kunst und Kultur 2014“.

In der Sparte „Erziehung, Kunst und Kultur“ wird unsere Schule als inklusives und sozial engagiertes Projekt prämiert, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, mittels innovativer Methoden der Kunst- und Musikpädagogik Entwicklungschancen für Kinder und Jugendliche zu schaffen.

Die Preisverleihung fand am 12.12.2014 im Museum Pablo Neruda in Valparaíso statt.

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2014, ein gutes Jahr für die Mapuche-Schule „Trañi-Trañi“

Eben erreicht uns eine Nachricht von Roberto Mansilla, Geschäftsführer von FUNDECAM, der sich für unsere finanzielle Unterstützung im Jahr 2014 für die multilinguale Mapuche Schule Trañi-Trañi bedankt.

Er berichtet weiterhin, dass der chilenische Unterrichtsminister Nicolás Eyzaguirre im Juni die Schule besucht hat.  Sehen Sie dazu folgenden Filmbeitrag: https://www.youtube.com/watch?v=W5xOs4Y-DiM

Der Besuch an sich sowie die dabei geführten Gespräche stimmen Roberto hoffnungsvoll in Hinsicht einer besseren Unterstützung durch die chilenischen Behörden.

Auch während einer Interpellation der äußersten Rechten im Parlament Ende November erwähnte der Unterrichtsminister diese Visite. Ein gutes Zeichen, dass die Ansprüche der Mapuche auf Anerkennung ihrer sprachlichen und kulturellen Eigenständigkeit in der anstehenden Reform des chilenischen Unterrichtswesens Gehör finden?

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Projekt TEATRO-BUS

Logo Teatro-Bus, dibujo
 
 
 
 
 
Santiago de Chile

Einfach mal anfangen mit Theater spielen und Spaß haben! So begann das Projekt TEATRO-BUS vor jetzt fast schon 5 Jahren an. Damals dachte ich mir: “Wenn ich nicht selbst an mein Projekt glaube, wer dann?” Anfangs fehlte es erstmals an finanziellen Mitteln. Aber ich hatte die tiefe Überzeugung, dass das Theater Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gibt, selbst Wege aus der Armut zu finden. Und so legte ich also einfach los: eine minimalistische Aufführung, damals noch ohne Vorhang und ohne Bühnenlicht, ließ alle Kinderaugen strahlen. Das Selbstbewusstsein der mitwirkenden Kinder wuchs mit jedem Publikumsapplaus.IMG_7838

Inzwischen kennt man uns hier im Armenviertel. Regelmäßige Theaterteliers, diverse Workshops wie Malerei, Tanz und Capoeira haben uns bekannt gemacht. Wie von alleine kamen in den letzten Jahren die verschiedensten Menschen auf das Projekt zu und haben es mit ihrem Beitrag wachsen lassen. Im Januar 2015 feiert Teatro-Bus sein fünfjähriges Bestehen. Wir blicken zurück auf viele kulturelle Aktivitäten, die im Armenviertel statt gefunden haben, ein Farbtupfer im schwarz-weißen Alltag der Menschen.

Wenn ich durch die Straßen gehe, bin ich immer noch schockiert über das Elend, den Müll vor den Häusern, das trostlose Dasein vieler Menschen, die gefangen scheinen in einem Viertel, das ihnen kaum etwas bietet. Dieser tägliche Überlebenskampf, die Präsenz von Drogen und Alkohol in den meisten Familien, lässt die Menschen scheinbar apathisch werden. Aber es kann nicht sein, dass Kinder miterleben müssen, wie jemand öffentlich Drogen konsumiert oder schlimmer noch, wie Drogenbanden sich Schießereien auf offener Straße liefern.

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“Was ist das, Theater?”, fragte mich einmal eine Mutter, deren jugendlicher Sohn ab und zu bei uns vorbei schaut. „Theater ist spielen, der Fantasie freien Lauf lassen und sich vom Alltag loslösen. Wenn wir Thea-ter mit den Kindern spielen, dann heißt das für uns, vor allem sich gegenseitig respektieren, Kind sein dürfen, gemeinsam lachen, geschützt vor der kriminellen Außenwelt“, war meine spontane Antwort.

Unsere größte Herausforderung ist es, die Kinder und Jugendlichen für das Projekt zu begeistern. Familien- und Hausbesuche sind notwendig, um intensiv Elternarbeit zu leisten, damit die Kinder bei uns teilnehmen dürfen. Viele erlauben ihren Kindern überhaupt nicht, abends aus dem Haus zu gehen wegen der lauernden Gewalt. Wir sind aber hartnäckig und überzeugen die Eltern immer wieder, ihren Kindern Freiraum zu lassen. Inzwischen haben wir eine feste Theatergruppe, die seit Beginn dabei ist. In unserem Dokumentarfilm über das Projekt (zu sehen auf YouTube: teatrobus chile) erzählen die Kinder, wie das Theater ihr Leben und ihre Einstellung verändert hat. So berichtet die zehnjährige Alon-dra, dass sie durch die Theaterarbeit ihre Schüchternheit überwunden hat und nun keine Angst mehr hat, nach außen hin zu zeigen, wer sie wirklich ist. Javiera lädt alle Kinder ein, am Projekt teilzunehmen, da es ein Ort ist, an dem ‘nichts Schlechtes’ passiert. Marta, deren Vater gestorben ist und deren Bruder die Familie unter anderem mit Kleindiebstählen unterhält, erzählt vor der Kamera, dass die Mathematik vielleicht auf den ersten Blick wichtiger erscheint als das Theater. Doch sie ergibt sich dem Theaterspielen zu 100 %, denn das Theater kann man fühlen, die Mathematik nicht.

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Unterstützung bekommen wir von der Luxemburger asbl. “andamos”, dem Fitnessclub “Just move” und einigen treuen privaten Spendern aus Luxemburg und Deutschland. Inzwischen konnten wir auch „Niños de la Tierra asbl.“ von unserer Arbeit überzeugen und bekamen für 2014-2015 eine großzügige Spende. An uns wird also geglaubt. Dank dieser diversen finanziellen Unterstützungen konnten wir in den letzten Jahren das Ganze professionell aufbauen. Somit folgt nun auch 2015 die Einstellung einer Psychologin. Für den Kauf eines Minibusses, das eigentliche Herz des Projektes, sammeln wir fleißig Spenden. Dieser Theaterbus wird hoffentlich bald in allen Farben glänzen und viele Menschen im Armenviertel mit präventiven Theaterstücken erreichen und öffentliche trostlose Plätze kulturell bereichern. Unser Bus, den wir dank Eurer Unterstützung demnächst kaufen können, wird dafür sorgen, dass chilenische Kinder und Jugendliche mittels des Theaters ihre Rechte kennen lernen. Konkret arbeiten wir gerade an der Entwicklung eines Theaterstückes zum Thema „Sexueller Missbrauch“.
Auf dem Weg zu unserem Ziel stehen immer wieder Hürden, die wir tapfer meistern müssen. Diese Hürden sehe ich mittlerweile als Chance für das Projekt, weiter zu wachsen. Wenn man weiß, was man will, geht es immer bergauf. Es freut mich sehr, meine Erfahrung hier mit allen treuen Lesern des Nitis-Info und Spendern teilen zu können. Gerne können Sie auch direkt mit uns Kontakt aufnehmen:
teatrobus.chile@gmail.com

‘saludos’ aus Chile.
Diane Catani, Anita und Enri

Weitere Informationen unter:
www.teatrobus-chile.com

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Nouvelles de l’école interculturelle mapuche Trañi Trañi

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L’école Trañi Trañi est une école interculturelle en territoire Mapuche, située dans les environs de la ville de Temuco. Il s’agit d’une école privée, créée sur initiative de la fondation Fundecam et gérée par les enseignants, les parents d’élèves, des représentants des communautés indigènes des environs et un représentant de Fundecam. Son objectif majeur est le renforcement de la culture et de l’identité mapuche , ainsi que la promotion du dialogue interculturel. Des éléments significatifs de la culture mapuche, leur langue, leur cosmovision, leur histoire, font partie du curriculum.L’excellence de ses résultats scolaires a été reconnue à plusieurs reprises par le Ministère de l’Education Nationale au Chili. Notre ONG soutient l’école depuis longtemps. L’un des responsables nous a fait parvenir un bref rapport sur les efforts réalisés actuellement en matière d’éducation interculturelle:

L’école Trañi Trañi et l’évolution de l’éducation interculturelle.

L’éducation interculturelle au Chili, dans sa forme actuelle, n’est pas favorable à la promotion de la culture et au renforcement de l’identité de nos populations indigènes.

Les programmes dénommés “interculturels” sont appliqués dans le système d’enseignement fondamental dans des lieux à population scolaire majoritairement mapuche. L’enseignement de la langue mapuche se fait uniquement sur la base de traduc­­tions de textes en espagnol. Les contenus sont inspirés de la culture occidentale de l’Etat chilien.

Le travail à l’école Trañi Trañi constitue une exception en la matière. Les parents et responsables, ainsi que les familles du territoire de Trañi Trañi, Botrolhue ressentent l’école comme un espace où sont partagées les connaissances indigènes dans le domaine culturel et social.

Au cours de ce semestre, un diagnostique socio-linguistique a été réalisé sur le territoire de l’école. Il a démontré que le mapudungun, langue des Mapuche, a cessé d’être le patrimoine exclusif des plus âgés: 18% des personnes qui le maîtrisent ont moins de 15 ans. Ils ont appris leur langue originaire à l’école fondamentale. De cette manière, leurs parents et proches ont aussi été impliqués dans le processus de valorisation et de maîtrise du “mapudungun”.

Sur le territoire de Trañi Trañi, l’ap­­­­­­­pren­tissage de la langue par les é­lèves contribue hautement au ren­for­cement de l’identité et la culture indigène. Les espaces sociaux où la langue est parlée sont les fêtes spirituelles, l’école et surtout la famille.

Actuellement, la communauté scolaire de Trañi Trañi participe à un projet innovateur . Il s’agit de la création de ses propres plans et programmes dans le domaine des Arts visuels. Cette ouverture en matière de conception du programme scolaire donne la possibilité à toute la communauté scolaire – enseignants, parents et proches, autorités fonctionnelles et traditionnelles – de participer activement à une série d’activités, à savoir des ateliers, des consultations et débats autour de contenus propres à la culture locale.

Nous avons relevé le défi proposé au premier point de l’article 27 de la Convention 169 de l’Organisation Internationale du Travail souscrite par notre pays. Il dit que „(…) les programmes et services d’éducation pour les peu­ples intéressés doivent être développés et mis en oeuvre en coopé­ration avec ceux-ci pour répondre à leurs besoins particuliers et doivent couvrir leur histoire, leurs connaissances et leurs techniques, leurs systèmes de valeurs et leurs autres aspirations sociales, économiques et culturelles (…)”.Conscients de nos possibilités limitées, nous allons initier cette transformation du curriculum par le domaine des arts visuels en nous basant sur le riche contexte socio culturel mapuche. Cela nous permet de reprendre des éléments de la cosmovision mapuche (le système de valeurs) et des connaissances et techniques de travail des ressources naturelles qui font partie du patrimoine culturel contemporain qu’il faut mettre en valeur.

Au niveau institutionnel, nous devons apprendre à articuler ce qui est important et nécessaire dans l’élaboration et la rédaction de nouveaux programmes d’études réellement bilingues. Les ressources du Ministère de l’Education Nationale chilien ne sont pas suffisantes pour réaliser un bon diagnostique sociolinguistique et planifier de nouveaux programmes, il faut compter sur l’appui de quelques experts en matière de curriculum.

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Ein Jahr in Chile


von Dorothée Franzen, unserer Kooperantin in Chile von September 2012 bis September 2013
„Jede Reise hat ihren Anlass und meiner hat mit Überdruß und jugendlichem Leichtsinn zu tun, mit dem Wunsch, aus den gewohnten Verhältnissen auszubrechen und das Leben und die Welt kennenzulernen.“
Die Stadt der träumenden Bücher, Walter Moers
Vor genau einem Jahr stand ich mit meinen vollgepackten Koffer am Flughafen und versuchte noch einen letzten Blick auf all die lieben Menschen zu erhaschen, die gekommen waren, um mich zu verabschieden. Ich weiß noch, wie schwer es mir fiel, die Gesichter richtig wahrzunehmen. Tausend Gedanken und Bilder rasten mir durch den Kopf. Hatte ich alles dabei? Würde ich das Flugzeug in Paris finden und wie war noch einmal das spanische Wort für „Mittagessen“? Und auf einmal saß ich auch schon im Flugzeug, ließ Luxemburg unter mir zurück und schaute zu, wie sich die Straßen, Häuser und Menschen, die bislang die Kulisse meines Lebens formten, zu Ameisenhaufen wurden, bis ich irgendwann nur noch in eine dichte Nebelwand blickte.
Ich war unterwegs nach Chile. Hinter diesen Wolken warteten ein neues Leben, neue Menschen und unendlich viele Erfahrungen. Ich konnte es kaum erwarten.
Es kommt mir vor, als wäre ich gestern losgeflogen, doch meine Anfangszeit, die ersten Wochen und Monate sind schon in meiner Erinnerung so weit nach hinten gerückt, als wären sie Jahre her. In Chile am Flughafen holte mich eine andere Freiwillige ab. Nach einer halsbrecherischen Fahrt über die chilenische Autobahn kamen wir in der EFPO an, dem Büro der Fundación. Dort lernte ich Helga, die gute Fee der Freiwilligen kennen, die mich mit offenen Armen aufnahm und bei der man sich nur wohlfühlen konnte.

Helga inmitten „ihrer“ Freiwilligen
Einen besseren Empfang als den, der mir durch Helga zuteil wurde, kann man sich nicht wünschen. Sie betreut schon seit Jahren die Freiwilligen und kümmert sich sowohl um unsere „Problemchen“ als auch um die ausgewachsenen Riesenbrummer, die einem das Leben zur Hölle machen und einen zur Verzweiflung treiben. Wir nennen sie liebevoll unsere „Oberfreiwillige“.
Nach einem kurzen Einführungsgespräch brachte sie mich in den Kindergarten, wo ich sofort anfing zu arbeiten. So lernte ich auch gleich meine erste Lektion: Du wirst gebraucht und die Menschen zählen auf dich. Jetlag und Reisemüdigkeit hinunterschluckend fing ich also an zu arbeiten.
Ich wurde der Gruppe der ältesten Kinder zugeteilt, den 5-jährigen. Meine kümmerliche 3-jährige Spanischausbildung, die mir im Gymnasium zuteil worden war, reichte anfangs kaum aus, um den Kindern das gegenseitige Erwürgen zu verbieten.

Meine Kindergruppe mit Educadora Cecilia und Tia Marianela
Hilflos musste ich immer wieder auf meine Mitfreiwilligen vertrauen, welche, da sie schon einige Zeit länger da waren, mehr Übung hatten. Doch schon nach ein paar Wochen merkte ich, wie ich mich immer besser verständigen konnte und mein Verdacht, dass eine Sprache, reduziert auf Bücher und Vokabeln, unmöglich zu erlernen ist, verstärkte sich.
Mehr noch als auf die Arbeit, war ich auf mein Haus und die WG gespannt. Aus vorherigem Facebook Kontakt mit meinen zukünftigen Mitbewohnern wusste ich, dass ich kein eigenes Zimmer haben würde. Hasste meine neue Zimmergenossin mich bereits, weil ich sie um ihr Einzelzimmer brachte? Hatte die WG schon einen festen Rhythmus, den ich als 5. Rad aus dem Gleichgewicht bringen würde und was, wenn ich die Einzige war, die nicht wusste, wie man Reis kocht ohne ihn anzubrennen zu lassen?
Auch hier waren meine Zweifel unbegründet. In Ava fand ich die beste Zimmergenossin, Freundin und Vertraute, die ich mir nur wünschen konnte. Teilt man ein Zimmer, gibt man auch noch den letzten Rest Privatsphäre auf, den man in einem so kleinen Haus wie unserem, hätte haben können.

Sonntagmorgen mit Karoline, Maruja und einigen Freiwilligen
Schnell bildeten wir ein Team und unsere langen Gespräche, die bis tief in die Nacht hinein dauerten, erschwerten so manchen Arbeitstag. Aber sie waren es wert. Lebt man so weit entfernt von allen Freunden und der ganzen Familie, braucht man die Menschen um sich herum. Man muss auf sie zählen können und Freunde zu haben, ist unabdinglich. Ava und ich wurden richtig gute Freunde, in dem ganzen Jahr tauschten wir die Zimmer nicht und brachen somit jeden Zimmergenossinnen-Rekord unter uns Freiwilligen.
Mit ihr, Ben und Desirée waren wir das Jahr hindurch ein Spitzen- Team. Wir stritten uns wie die Weltmeister. Vage erinnere ich mich daran, wie ich Töpfe durch die Küche schmiss oder Desirée und Ben Türen knallen ließen, was unser schon etwas betagtes Haus an den Rand des Zusammensturzes brachte. Aber im Großen und Ganzen war es eine gute Zeit und immer, wenn es darauf ankam, waren wir füreinander da und machten alle Krisen gemeinsam durch.

Die Siedlung rings um den Kindergarten „Naciente“
Die Arbeit war hart und das auf so viele Art und Weisen. Es war hart, jeden Tag eingepfercht in einem kleinen Raum zu sein und sich von 32 Kindern die Ohren vollbrüllen zu lassen. Es war hart, dir Lebensgeschichten von Eltern anzuhören und zu wissen, dass das Leben meiner Schützlinge genau so verlaufen kann, weil das System – oder einfach Pech – es nicht anders zulässt. Es war hart, jeden Tag alle Möbel und Tische raus- und wieder rein zu tragen, weil der Klassensaal nicht groß genug war…
Ich habe auch ganz sicher nicht jeden Tag genossen und manchmal wollte ich auch einfach nur im Bett liegen und einen Film schauen, doch nachträglich bin ich froh über mein Durchhaltevermögen.

Ich habe alle meine Schützlinge geliebt. In manchen Situationen gewiss weniger als in anderen, doch geliebt habe ich sie alle und es war wunderschön, dass ich jeden Tag bei ihnen sein durfte. Jetzt, nach so kurzer Zeit, vermisse ich sie immer noch wahnsinnig und lasse mir regelmäßig von den neuen Freiwilligen Fotos schicken. Mit den Kindern habe ich wieder gelernt, was es heißt, kleine Dinge wertzuschätzen, wie z.B. eine Puppe, gemacht aus einer Klopapierrolle. Ich habe mich für sie zum Affen gemacht und sie haben es mir mit ihrer Freundschaft und ihrem Vertrauen gedankt.

Feier zum Jahrestag der Gründung des Jardin Naciente: Die Kleinen haben Tänze vorgeführt und schwenken die Fahnen der Länder, welche den Kindergarten unterstützen
Die Menschen in Chile sind etwas Besonderes und ich ertappe mich immer wieder, wie ich hier in Europa nach dem lateinamerikanischen Temperament Ausschau halte. Kommt ein streunender Hund in die Kirche gelaufen, wird es als Gelegenheit genommen, mal wieder herzlich gemeinsam zu lachen und sogar der Pfarrer nimmt es mit Humor und lässt den frommen Neuankömmling unterm Altar der Messe beiwohnen.
Fragt man jemanden nach der Uhrzeit, kann es schon ab und zu mal vorkommen, dass die Gegenfrage kommt „Ist das denn wichtig?“ und wenn man um 01:00 morgens die unbändige Lust verspürt, seine Freunde zu besuchen, sollte man nur sicher stellen, genügend von dem guten chilenischen Wein mitzubringen und die Stimmung ist garantiert.
Ich habe in dem Jahr gelernt, meine Prioritäten neu zu ordnen. Mit meinen chilenischen Freunden ist mir wieder bewusst geworden, was Gemeinschaft wirklich bedeutet und wie unwichtig so manches ist, mit dem wir uns hier in Luxemburg den Kopf zerbrechen.
Man kann versuchen, es aufzuschreiben oder davon erzählen, aber wirklich nachvollziehen kann man es erst, wenn man es selber erlebt hat.
Für mich gibt es ein Davor und ein Danach. Es gibt ein „vor Chile“ und ein „nach Chile“. Es gibt mich, wie ich davor war und es gibt mich, wie ich jetzt bin. Manche Erlebnisse sind so einschneidend, dass sie deine Zeit teilen und Chile war ein solches Erlebnis.
Ich empfehle jedem, sich selbst auf die Reise zu machen und ein bisschen von der Welt und sich selbst zu sehen. Erst wenn man aus seinem Gemüsebeet rausgeht, kann man sehen, wie groß der Garten dahinter ist.
Dorothée Franzen