Mein Bolivien-Bericht

Claire Zimmer Cochabamba/Bolivia 2015/2016

Seit 5 Monaten bin ich nun ungefähr zurück aus Bolivien. Es ist schön wieder hier zu sein und besonders an Weihnachten habe ich unsere Traditionen, die Stimmung und vor allem die Zeit mit meiner Familie sehr genossen. Ich denke aber auch gerne an Bolivien zurück und freue mich über jede Nachricht aus Tirani, ob von den Direktorinnen, den Erzieherinnen oder den Kindern selbst. Was mich aber auch oft wieder gedanklich zurückreisen lässt, sind meine Erzählungen. Besonders die ältere Generation stellt viele Fragen über das Leben in Bolivien, die gesellschaftliche Situation, die Kultur, das Essen,…und die meisten fragen: Es war doch bestimmt eine super Erfahrung?! Allerdings war es das. Nun würde ich auch gerne hier ein paar Dinge erzählen, die mich (auch nach meiner Heimreise) beschäftigt haben.
Ein wichtiger und interessanter Punkt dieses Jahres war auf jeden Fall die Arbeit. Während des ersten Halbjahres habe ich vor allem viel beobachtet mit dem Ziel, das Funktionieren dieser Einrichtung zu verstehen und mich sinnvoll einbringen zu können. Schnell bekam ich jedoch den Drang, selbst
Initiative zu ergreifen und aktiver zu werden. Nach Absprache mit den beiden Direktorinnen, habe ich während des zweiten Halbjahres regelmäßig Aktivitäten mit den Kindern geplant und zeitweise alleine Gruppen geleitet. Außerdem gaben die Direktorinnen mir mehr Verantwortung, was mich freute und mir Spaß machte. Immer wieder wurde ich jedoch mit Dingen konfrontiert, die mich viel zum Nachdenken brachten und mir Schwierigkeiten bereiteten. Es fiel mir immer wieder schwer, die Arbeit einzelner Erzieherinnen zu

akzeptieren, obwohl mir auch immer wieder bewusst wurde, dass meine Art zu unterrichten mit meinen Überzeugungen enorm stark von meiner Ausbildung und Erziehung in Luxemburg beeinflusst sind. Niedrige Motivation, wenig Verantwortung für die Erziehung der Kinder zu übernehmen, wenig Disziplin, keine besonders gute Ausbildung und andere pädagogische Differenzen machten mir manchmal zu schaffen. Oft dachte ich aber auch, dass ich durch diese viel gelernt habe und mich weiterentwickelt habe. Vor allem habe ich auch eine sehr schöne und intensive Zeit mit den Kindern verbracht und hatte zum Schluss das Gefühl, sie ein kleines Stück auf ihrem Weg begleitet zu haben.
Neben der Arbeit hatte ich viel Freizeit und auffällig viel Zeit „nichts“ zu machen, was ich sehr genossen habe. Wir unternahmen viel zusammen mit meinen WG-Mitbewohnern: viele Filmabende, Sonntagsessen, Kaffee trinken in der Stadt, stundenlange Gespräche, usw. Durch dieses Zusammenleben ist eine große Freundschaft entstanden, die für mich sehr wichtig geworden ist und mich in
meinem Jahr viel unterstützt hat. Außerdem habe ich auch viel mit den Freiwilligen in Quillacollo unternommen, insbesondere mit meiner Landesgenossin Anne. Ich sehnte mich oft danach die Wochenenden im Vorstadtteil von Cochabamba, der immer sehr lebendig im Vergleich zu dem ruhigen Tirani war, zu verbringen. Oft wurden wir aber auch zu Familienfesten von unseren bolivianischen Arbeitskollegen eingeladen. Es war sehr schön, die wunderbaren und mit viel Aufwand verbundenen Feste mitzufeiern und irgendwie ein Teil der Familien zu werden, von denen wir nach und nach immer mehr Mitglieder kennenlernten. Die eigene Familie und Freunde zu Besuch zu haben, war ebenfalls eine für mich sehr reiche und schöne Erfahrung. Meiner Familie und meinen Freunden von zu Hause meine neue Welt vorzustellen und sie dafür zu begeistern, war mir besonders wichtig und auch nach meiner Heimreise Personen zu haben, die mich gut verstanden, wenn ich was erzählte und sich es bildlich vorstellen konnten.

Die viele Zeit, die in Bolivien viel langsamer vergeht, und der komplett neue Kontext regten mich zu viel Selbstreflexion an. Ich lernte mich selbst noch besser kennen und konnte mich in mehr oder weniger extremen Situationen besser einschätzen und dann entsprechend reagieren.
Ich habe jeden Morgen vor der Arbeit eine Reihe von aneinandergereihten Ritualen durchgeführt, wo auch die Meditation dazu gehörte. Dadurch konnte ich verschiedene Dinge bewusster, ruhiger und disziplinierter erleben und die Liebe zum Detail und zur Einfachheit entdecken.
Durch meine Selbstreflexion gelang es mir auch viel über menschliche Interaktionen zu lernen. Der Umgang mit Menschen, die in einem ganz anderen Kontext aufgewachsen sind und leben, erweiterte meine eigenen Fähigkeiten, was Kommunikation, Empathie, Verständnis, Geduld und Zuhören betrifft. Dies ist für mich, glaube ich, das größte „aprendizaje“ meines Jahres.

Während meiner Zeit in Bolivien, aber auch nach der Rückkehr hat mich ein Thema noch besonders beschäftigt. Es geht um meine Heimat: Was ist meine Heimat? Und was macht sie aus? Ich habe gemerkt, dass Luxemburg für mich ganz eindeutig meine Heimat ist und dass ich sehr stolz auf dieses Land bin. Das mag so manchen vielleicht sehr patriotisch klingen. Mich hat aber besonders interessiert, was Luxemburg (rational gesehen ist es einfach nur ein Stück Land, das abgegrenzt ist) für mich zu meiner Heimat macht und das sind einfach die Personen, die dort leben, die mich glücklich machen, mit denen ich Schönes erlebt habe an diesen unterschiedlichen Orten im Land, mit denen ich viel teile und mich dadurch sehr wohl fühle. Es ist total schön in seine Heimat zurück zu kommen und zu wissen, dass es für mich immer meine Heimat sein wird.
Schlussfolgernd denke ich, dass ich viel gewachsen bin und auch besonders dadurch, weil ich mit meinen 23 Jahren schon in vielen Dingen gefestigt war. Darüber hinaus habe ich sehr tiefe Freundschaften geschlossen und sehe dieses Jahr als ein Teil meines Lebens, an den ich gerne zurück denke und womit ich unbedingt irgendwie in Kontakt bleiben möchte.