Weihnachtsbrief von KAROLINE
Dezember 20th, 2008
Ich
möchte
gerne in diesen
Tagen einen besonderen Christbaum
vorbereiten
und ihn
schmücken
anstatt mit Kugeln und Geschenken
mit den Namen aller unserer Freunde: die nahen und die fernen,
die älteren
und die neuen,
jene, die ich jeden Tag sehe,
und jene, denen ich nur ab und zu begegne,
jene, an die ich immer denke, und auch jene, die ich öfter vergesse,
die immerwährenden wie auch die Freunde der frohen und der schweren Stunden,
jene, die ich
-ohne es zu wollen-
verletzt habe,
und jene, die mich -ohne es zu wollen- verletzt haben,
jene, die ich tiefer kenne, und auch jene, die ich nur äußerlich wahrnehme,
jene, die mir etwas schuldig sind, und jene, denen ich viel schulde, die bescheidenen Freunde und
die wichtigen.
Alle Freunde
möchte ich nennen,
denen ich in meinem Leben begegnet bin,
jene, die Ihr diese Botschaft erhaltet, und auch jene, die ich nicht erreiche.
Einem Baum mit tiefen Wurzeln wird man nie eure Namen abreißen können.
Dieser Baum, der nächstes Jahr weiterblühen wird, erfülle euch mit Gesundheit, Freude und Frieden.
Hoffentlich können wir uns
in dieser Heiligen Nacht im Herzen wieder begegnen,
miteinander Hoffnung und Liebe teilen und vielleicht auch diejenigen an unserem Glück teilnehmen lassen,
die
unsere
Hilfe brauchen.
FROHE WEIHNACHTEN!
Santiago de Chile, Advent 2008
Unsere lieben Freunde!
Man verliert nicht gerne die Hoffnung, dass es irgendwann besser wird … Auch steckt vielleicht eine Beleidigung des Ehrgeizes dahinter, wenn es so schwer fällt sich einzugestehen, dass man etwas nicht in den Griff bekommt. So ist es: Wie ich euch schon im vergangenen Jahr berichtet habe, haben wir es auch während dieses ganzen Jahres nicht geschafft, an die Herzen der Kinder und Jugendlichen vor unserer Haustür zu kommen. Da sitzen sie jeden Tag bis spät in die Nacht. Oft versucht Maruja sie zu vertreiben, wenn ich nicht da bin; denn sie machen einen enormen Krach, schlagen sich gegenseitig, brüllen sich an, reißen Äste oder die unreifen Früchte von den Bäumen, die wir vor Jahren mühsam gepflanzt haben. Nicht selten gehen sie mit Messern aufeinander los, schießen herum, wovon die Windschutzscheibe und das Fenster neben dem Fahrersitz unseres Autos erzählen kann. Eine Kugel sitzt im Dach. Jeden Morgen erwacht vor unserem Haus ein Schlachtfeld. An der Zahl der Papierchen auf dem Boden kann man sehen, wieviel Marihuana, Pasta base oder Kokain konsumiert worden ist. Während Maruja in der Nacht immer wieder durch den Lärm aufschreckt und am Morgen manchmal ganz kaputt ist, schlafe ich ganz gut – vielleicht bin ich auch schon ein wenig schwerhörig.
Aber was hält uns, dass wir hier nicht wegziehen? Wir glauben, dass wir immer noch etwas tun können, um diesem Elend auf den Leib zu rücken. Jedes dieser Kinder und jeder Jugendliche ist ein Kind Gottes, von IHM genauso geliebt wie Maruja und ich. Das ist unser Glaube. Diese Botschaft brachte uns das Kind von Bethlehem: in jedem Kind, in jedem Menschen, auch in den frechen, ungezogenen, unverschämten, unerträglichen, sogar in jenen, die Böses tun, Gott selbst sehen, der retten, heilen und befreien will: “So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn dahingegeben, dafür auf´s Spiel gesetzt hat.” An diese Liebe klammern wir uns und bitten euch, dass ihr für uns betet, während auch wir nicht ablassen zu kämpfen und zu beten.
Bisher habe ich vergebens versucht, mit Freiwilligen aus der Gemeinde zu arbeiten, um an unsere Kinder und Jugendlichen heranzukommen. Ab März werde ich jemand einstellen, der Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Bisher habe ich es nicht gewagt, weil das Geld dafür fehlte; aber nun will ich vertrauen, dass ich Unterstützung finden werde. Ausserdem hoffe ich, dass wir bis dahin einige von ihnen begeistern können, in unserer Berufsschule eine Handwerksausbildung zu machen. Wir werden einfach damit beginnen, 15-, 16-Jährige in der Berufsschule aufzunehmen, auch wenn die staatlichen Behörden hinterher hinken. Das Gesetz zur Berufsausbildung im Handwerk, das wir kräftig vorantreiben, wird noch viel Einsatz kosten.
Als ich in diesen Tagen schnell Maruja vom Kindergarten Naciente abholen wollte, redete gerade vor der Eingangstür mit übertrieben großen Gesten eine ehemalige Mutter vom Kindergarten mit einer unserer Mitarbeiterinnen. Aber kaum erblickte sie mich, sprang sie auf mich los, so dass ich dachte, sie wäre besoffen, was ja nicht selten ist. Sie drückte und küsste mich ungestüm, während sie immer wiederholte, dass sie Maruja und mir danken müsse, weil wir ihr geholfen hätten, ihren Sohn großzuziehen. Sie war gar nicht betrunken, sondern Freude trunken, glücklich, dass ihr Sohn jetzt einen schönen Beruf habe und sich sein Leben würdig verdienen könne. Jetzt war sie da, um uns zum Dank ein Foto von ihm mit seinem frisch gebackenen Diplom als Rechtsassistent zu bringen, damit Maruja es an ihrer Fotowand in ihrem Büro aufhänge als Beweis, dass die Saat der Liebe ihre Früchte bringt.
Liebe Freunde, in diesem Jahr war ich viel unterwegs zwischen Bolivien, Peru und Chile. Dabei bin ich immer überrascht, wie überall die Arbeit vorwärts geht. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass vieles nur mit eurer Unterstützung möglich ist. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sich das Dorf Bella Vista (Bolivien) in den vergangenen 10 Jahren, in denen wir dort arbeiten, verändert hat. Wichtiger als die Bauten – Schülerwohnheim und Gesundheitszentrum (Dr. Annemarie Hofer), Kindertagesstätte, Schüler-Kulturzentrum, Berufsschule und Internat – ist der Dienst, der an den Menschen geleistet wird. Täglich werden 200 bis 250 Kinder betreut. Über 100 Jugendliche lernen einen Handwerksberuf. Seit Mitte des Jahres haben wir auch mit der Lehrerfortbildung in der Dorfschule (1400 Schüler!) begonnen, damit die Kinder einen besseren Unterricht erhalten. Das ist dringend notwendig. Erfreut sind wir, dass wir allerseits von der Schulleitung, der Lehrerschaft und der Elternvertretung unterstützt werden und immer mehr ihr Vertrauen gewinnen.
Auch die Bauerngemeinde Tirani am nördlichen Stadtrand von Cochabamba macht Fortschritte unter der Leitung unserer Schwester Mercedes, die seit Januar dort im neugebauten Schwesternhaus lebt. Vier Jahre haben die Gemeindevorsteher uns hingehalten, bis sie uns nun im September endgültig das längst versprochene Grundstück – offiziell ins Grundbuch eingetragen – übergeben haben. Aber Schwester Mercedes hat sich indessen mit brennender Geduld eingesetzt, dass 100 bis 150 bedürftige Kinder täglich ein gutes Mittagessen bekommen und die Mütter, die kochen, bei der Stange bleiben. Unsere europäischen Freiwilligen widmen sich den Schulkindern, helfen ihnen beim Lernen und bei den Hausaufgaben und knüpfen mit ihnen Bande des Vertrauens und der Freundschaft. So können sie den Kindern in ihren oft unsäglichen Leiden beistehen.
In den nächsten Monaten werden wir mit dem Bau der Kapelle in Form eines Gemeindehauses beginnen können, was dringend notwendig ist, denn während der vergangenen Monate mussten wir die Sonntagsgottesdienste im Schatten eines Pfefferbaumes feiern. Da der Schatten am 1. Adventssonntag nicht ausreichte, habe ich mir einen kleinen Sonnenbrand geholt und bekomme für Weihnachten eine neue Haut. Gleichzeitig denken wir auch an den Bau des Kindergartens. Die Mütter haben sich bereits organisiert und bereiten sich auf die Mitarbeit vor. Aber auch ich träume schon lange von dem Kindergarten, in dem die vielen verwahrlosten, unterernährten kleinen Wesen als Kinder Gottes aufwachsen und sich entfalten können.
In Cusco geht der Dienst nur langsam voran. Die Arbeit mit den Frauen läuft weiter, während wir uns auf den Umzug in die neuen Räumlichkeiten vorbereiten, die uns die Franziskaner zur Verfügung gestellt haben. In Yuncaypata und bei den benachbarten Campesinos de los Huertos wurden die ersten Spatenstiche für die Bewässerungsanlagen ihrer Felder gefeiert. Nun hoffen wir, dass die Durchführung beider Projekte gut verlaufen wird.
Liebe Freunde, es gäbe so viel mehr zu berichten. Wie ihr wisst, war die finanzielle Situation der Fundación Cristo Vive in Chile in den vergangenen Jahren sehr schwierig, weil die staatlichen Behörden wiederholt ihre Versprechen und Verträge für unsere Dienste nicht eingehalten haben. Nur mit eurer Hilfe haben wir uns über Wasser halten können. Umso schwerer war es für uns, im März die Entscheidung einer Gehaltserhöhung für unsere Mitarbeiter zu treffen, d.h. einen so weit wie möglich gerechten Lohn zu bezahlen, dass eine Familie davon bescheiden leben kann. Das bedeutete bei den untersten Löhnen eine Erhöhung von 30 %. Bei unseren 350 Mitarbeitern im Jahr 2008 waren das 200 000 Euro Mehrkosten. Lange haben wir gezögert, dann aber im Vertrauen auf Gott den Salto mortale gewagt – und wir haben ihn überlebt: Dank allen, die uns dabei unterstützt haben! Es ist für mich das schönste Weihnachtsgeschenk.
Unsere lieben Freunde, anstatt meinen Rundbrief zu schreiben, war ich die letzten Tage mit unseren jungen Freiwilligen von “weltwärts” auf einem Begleitseminar, um mit ihnen über ihren solidarischen Dienst nachzudenken. Stellt euch vor, in diesem Jahr sind in Cristo Vive Chile, Bolivia und Peru um die 45 junge Menschen, hauptsächlich Deutsche, für ein Jahr im Einsatz – entsandt von AMNTENA, CRISTO VIVE EUROPA oder FONDACIO. Da ist viel Idealismus und Einsatzbereitschaft für die Menschen zu spüren, die auf der Schattenseite unserer Welt leben. Wie ihr seht, wächst die Brücke, die wir zwischen den Kontinenten bauen. Das haben wir auch bei unserem Treffen gespürt.
Gemeinsam mit euch, liebe Freunde, arbeiten wir kleinen Leute daran, Mitmenschlichkeit und Solidarität zu globalisieren und hoffen dabei, dass die internationale Finanzkrise unsere Welt vielleicht ein wenig zur Besinnung bringt. Denn mit allem Geld der Welt ist Liebe auf dem Weltmarkt nicht zu kaufen. Und dennoch ist sie in Fülle in unserem Herzen da, wenn wir sie verschenken.
Das ist Jesu Geheimnis in der Heiligen Nacht: die Liebe ist unter uns. Dies zu spüren wünsche ich euch und uns auch für das neue Jahr. Von Herzen umarmt euch
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