DIE MAPUCHE ORGANISATIONEN UND IHRE VERBINDUNG ZUM SOZIALEN AUFBEGEHREN IN CHILE

Im Oktober dieses Jahres wird das Szenario in Chile gewaltsam verändert, ein Prozess des weitverbreiteten Protests wird ausgelöst, der sichtbar macht, was viele Jahre lang von den verschiedenen Regierungen seit dem Ende der Diktatur unmöglich gemacht wurde.
In einer Zeitspanne von ein paar Stunden entstand eine Situation, die ein Chile zeigte das anders war als das, das kommunikativ bekannt war. Aus einem Land, das als die wohlhabendste und stabilste Nation Lateinamerikas gilt, mit „ununterbrochener Demokratie“ seit dem friedlichen Fall Pinochets. Äußerlich gilt Chile als Verkörperung einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik, die während der Diktatur von Ökonomen installiert wurde die an der Universität von Chicago ausgebildet wurden. Diese haben unter anderem das Rentensystem in ein vom Staat überwachtes privates Pensionsregime umgewandelt, ein Aspekt, der für andere Länder in der Region zu einem Vorbild geworden ist, da er ihnen eine ständige Anhäufung von Kapital ermöglicht. Eine Situation, die heute als eine der umstrittensten auf der Liste der sozialen Forderungen des Volksaufstandes erscheint.
Das gleiche Bild eines solventen, stabilen, demokratischen Landes macht es schwer vorstellbar, dass ein jugendlicher Protest gegen die Erhöhung der Tarife im öffentlichen Transport in der Hauptstadt einen Prozess ausgelöst haben könnte, der so stark ist, dass er alles, was eingedämmt war, ins Rampenlicht stellte: Von der Regierung eines Landes, das 30 Jahre lang einen erfolgreichen Status hatte, die Gültigkeit einer großen Anzahl sozioökonomischer Forderungen anzuerkennen, z.B. Einkommen, Renten und das Gesundheitswesen zu verbessern.
Angesichts der schwierigen Situation, die im ganzen Land sichtbar geworden ist, blieben die indigenen Organisationen, die Mapuche in diesem Fall, zunächst nur Zuschauer. Nachdem sie die nationalen Umstände analysiert hatten, beschlossen sie jedoch, sich dem nationalen Protestprozess anzuschließen und ihre Position öffentlich zu machen.

Während der verschiedenen Proteste der Mapuche werden mehrere Symbole spanischer Persönlichkeiten aus der Zeit der Eroberung und Invasion des Mapuche-Territoriums zerstört

Es ist klar, dass die langjährigen aber unerfüllten Forderungen der indigenen Völker, insbesondere der Mapuche, an die Regierung nun angesichts der gegenwärtigen Umstände eine Schlüsselstellung eingenommen hat. Eine „kosmetische Lösung“ wie sie die Regierung vorschlug, kommt nicht in Frage. Nur eine grundlegende Verfassungsänderung kann definitiv zu einem anderen Verhältnis der Indigenen zum Staat führen. Verpflichtungen, die schon bei der Rückkehr zur Demokratie eingegangen wurden stecken seit Jahren fest: Nationaler Rat der indigenen Völker, Verfassungsanerkennung, Ministerium für indigene Völker unter vielen anderen.
Die Mapuche-Organisationen sandten schon vor Monaten ein starkes Warnsignal an die Regierung indem sie die Konsultationen beendeten, dies nach zwei Ereignissen, an denen die derzeitige Regierung ihre Verantwortung nicht zugeben wollte. Einerseits der Mord an dem Mapuche-Aktivisten Camilo Catrillanca durch Einsatzkräfte der Polizei und andererseits der irreguläre Kauf von Mapuche-Land, das in der Region durch den beigeordneten Staatssekretär im Innenministerium Rodrigo Ubilla getätigt wurde.
Chile versteht nun besser die Brutalität, mit der der Staat handeln kann. Die Repressionshandlungen, die Verletzung der Menschenrechte vor den Augen der ganzen Welt, massiver Polizeiaufmarsch, der Druck auf Beamte, ihre Arbeit nicht auszuführen erinnern an Zeiten der Diktatur; der Schleier ist gefallen und das wahre Gesicht der Macht hat sich gezeigt. Solche Situationen erleben die Mapuche-Organisationen seit vielen Jahren, wenn sie ihre Rechte einklagen werden sie als „Terroristen“ abgestempelt und mit der ganzen Macht des Polizeiapparats unterdrückt.
Wie wir bereits sagten, haben sich die Mapuche-Gemeinschaften diesem Prozess der Ablehnung unangebrachter politischen Entscheidungen im Land seit vielen Jahren verschrieben, indem sie dies auf organisierte Weise tun und eine interessante Reflexionsfähigkeit unter Beweis stellen. Die Situation gegen die das chilenische Volk sich zu diesem Zeitpunkt auflehnt, ist eine Realität, unter der sie schon lange leiden.

Manifestanten stürzen und zerstören die Statue von Pedro de Valdivia in Temuca

Hier offenbart sich die historische Wahrheit: Wenn Menschen ihre Angst vor der Staatsmacht verlieren, die sie selbst demütigte, wenn sie erkennen, dass die Würde der Person und des Volkes mehr ist als ein mageres Gehalt, finanzielle Unterstützung oder eine zentral erzeugte Agrarsubvention, an diesem Punkt fordern die Menschen ihre Rechte ein und verlangen einen echten Gesellschaftsvertrag, um nicht mehr Bürger zweiter Klasse zu sein, sondern als Person und als Volk anerkannt zu werden.
Heute wird Präsident Piñera nicht nur von Mapuche-Führern herausgefordert, sondern von einem Land im Allgemeinen. Und es ist nicht nur seine Regierung, es ist der Staat als Ganzes, der in Frage gestellt wird, weil er das Werkzeug par excellence war, um eine Struktur der sozialen Ungleichheit aufrechtzuerhalten, welche die Ausbeutung der Menschen durch nationale und ausländische Unternehmen ermöglichte, verbunden mit dem Raubbau an natürlichen Ressourcen wie im Falle von La Araucanía.
Die ursprünglichen Völker, insbesondere die Mapuche, sind sich bewusst, dass sie sich nicht weiter innerhalb des chilenischen Volkes assimilieren können, was Homogenität zu einer vermeintlichen Tugend macht. Aber es ist auch klar, dass neben der offensichtlichen Tatsache, soziale Räume zu teilen, zwischen dem chilenischen Volk und den ursprünglichen Völkern, die sie vereinen müssen, um die gleiche verfassungsmäßige Ordnung zu teilen. Ein interessantes Beispiel für die Erkenntnis, dass diejenigen, die die Mapuche unterdrückt und missbraucht haben, dieselben sind, welche alle Chilenen missbraucht haben, ist die Anwesenheit der Mapuche-Flagge in allen Erscheinungsformen dieses chilenischen Erwachens.
Die meisten strukturellen Veränderungen, die für das Land notwendig sind, kollidieren mit der aktuellen Verfassung z.B. die verfassungsmäßige Anerkennung der indigenen Völker mit dem Prinzip der eindeutigen Nationalität. In einer neuen Verfassung, wie sie in einem kürzlich unterzeichneten nationalen Abkommen vorgesehen ist, würde sie Fortschritte in Richtung Pluralität ermöglichen. Dies würde eine Änderung eines Großteils der bestehenden Vorschriften erfordern, was dazu führen würde, dass viele Ressourcen des Landes als Menschenrechte angesehen würden: Wasser und Umwelt unter anderen. Auch der Aufbau von Organisationsformen, die die Stimme jedes Volkes bindend berücksichtigen, würde bedeuten, dass das, was ein Volk billigt, auch erfüllt wird.
Die Mapuche haben in ihren Demonstrationen darauf hingewiesen, dass sie an eine Schicksalsgemeinschaft mit dem chilenischen Volk glauben, anerkannt, nicht als Untergebene und Ausgeschlossene, sondern als solidarische Partner in einem multikulturellen Prozess.

Mehr als 7000 Personen bei Mapuche-Marsch

Heute wird die Möglichkeit eröffnet, aus der Horizontalität der Strukturen auszubrechen, von unten den Dialog zwischen den Kulturen zu schaffen. Es werden Pakte geschlossen, die den Chilenen und indigenen Völkern bei der Entwicklung jedes Einzelnen zu Nutzen kommen. Heute gibt uns die von den indigenen Organisationen vorgeschlagene Territorialität Kriterien der Verantwortung auf der intra-, generationeninternen und interkulturellen Ebene. Im Kern geht es darum, wie wir das Zusammenleben zwischen den Gesellschaften für die Zukunft aufbauen, und sogar, wie wir mit unserer Umwelt leben, um mit der Artikulation anderer Territorien voranzukommen, bis wir dem Land eine neue Physionomie gegeben haben.

Roberto Mansilla
Direktor von FUNDECAM, Temuco

UNRUHEN IN CHILE

 

Die Berichterstattung der Medien hierzulande zu den Ereignissen der vergangenen Wochen in Chile war oft ziemlich spärlich und einseitig.

Karoline Mayer von der Stiftung „Cristo Vive“ versucht in einem Interview ein ausführlicheres Bild der Lage zu geben.

 

Unsere lieben Freunde von Cristo Vive Europa, der Schweiz und Luxemburg,

Mit bangem Herzen hoffen wir, dass uns zusammen mit unserem Volk der Aufbruch in eine gerechtere und geschwisterliche Zukunft gelingt.

Daniela Steiner (auf Besuch aus der Schweiz) und unsere Mitarbeiterin in der Öffentlichkeitsarbeit, Annekathrin Erk, hatten die Idee ein Gespräch mit mir zu führen und es aufzuzeichnen.
Es geht um die Hintergründe, die Geschehnisse und einen Ausblick zur sozialen Krise, die wir gerade erleben.

Unter folgendem Link könnt ihr euch bei Youtube das Gespräch anhören.